Auf dem Eis rückt die Behinderung in den Hintergrund

Sledge-Eishockey: Junge Talente mit viel Erfahrung – Über die EM Anfang April und die WM soll es zu den Paralympics nach Pyeongchang gehen

„Sledge-Eishockey ist eine schnelle, taktische und körperbetonte Sportart, die alles mitbringt. Da ist richtig Tempo drin“, erklärt Lucas Sklorz, während sich seine Teamkollegen auf dem Spielfeld packende Duelle liefern, und fügt hinzu: „Ich habe dadurch viel Durchsetzungsvermögen hinzugewonnen – nicht nur auf dem Eis. Der Sport hilft auch dabei, die Persönlichkeit weiterzuentwickeln.“ So spricht eigentlich ein alter Hase. Doch Lucas Sklorz (Kamen/NRW) ist 20. Er, Bernhard Hering (24/Dresden) und Ingo Kuhli-Lauenstein (23/Bad Laasphe/NRW) sind die jüngsten Spieler der deutschen Sledge-Eishockey-Nationalmannschaft.

Foto: DBS / Ising

Foto: DBS / Ising

Sklorz fand bereits 2006 mit zehn Jahren den Weg aufs Eis. Der Kamener hat von Geburt an beidseitig einen Klumpfuß. Was ihn zunächst nicht am Sport hinderte, verschlimmerte sich mit zunehmendem Alter. „Die Schmerzen wurden größer und die Leistung immer schlechter. Inzwischen sind die Sprunggelenke komplett verschlissen, an Laufsportarten ist nicht mehr zu denken“, erklärt Sklorz. Also probierte er Sledge-Eishockey aus. „Anfangs war es sehr ungewohnt und eine große Umstellung für mich.“ Nicht nur auf dem Eis, sondern auch die Tatsache, dass er als Kind schon bei den Erwachsenen mitspielte.

„Mehr als ein paar blaue Flecken holt man sich ganz selten“

Mit 14 folgte der erste Einsatz in der Sledge-Eishockey-Liga, es dauerte nicht lange bis zur ersten Nominierung in die Nationalmannschaft. „Ich war der Jüngste auf dem Eis. Die Zweikämpfe und die Geschwindigkeit waren zunächst ein Problem, aber ich habe mit Disziplin und Einsatz meinen Weg gefunden“, erinnert sich Lucas Sklorz. Respekt habe er zu Beginn schon gehabt. „Aber wenn man einmal an die Bande gedrückt wird, lässt das nach“, sagt der Student lachend. „Mehr als ein paar blaue Flecken holt man sich nur ganz selten mal ab.“

Talent auf dem Eis hat Bernhard Hering von Beginn an bewiesen. Vor acht Jahren hat der Dresdner bei einem Zugunfall beide Beine verloren, 2010 ist er über einen ehemaligen Teamkollegen beim Sledge-Eishockey gelandet. „Ich habe es relativ schnell gelernt, mich mit dem Schlitten fortzubewegen“, sagt Hering. So rückt die Behinderung auf dem Eis in den Hintergrund. An sein erstes Turnier hat der 24-Jährige dagegen nicht die besten Erinnerungen. „Das war schon sechs Wochen, nachdem ich das erste Mal auf dem Schlitten war. Daher hat noch nicht alles so gut geklappt“, berichtet Hering. Doch schnell wurde es immer besser, nicht nur auf dem Eis sondern auch in Sachen Puckführung und Spielübersicht.

Der Lohn: Seit Ende 2011 zählt er auch zum Kreis der Nationalmannschaft. So ist das junge Trio Sklorz, Hering und Kuhli-Lauenstein bereits seit einigen Jahren dabei und hat viel erlebt. Gerne denken sie an die Weltmeisterschaft 2015 zurück, als das Team in den USA einen guten sechsten Platz erreichte und im entscheidenden Spiel durch einen 1:0-Sieg gegen Tschechien den Abstieg abwendete. „Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut. Es war eine fantastische Erfahrung, sich mit den besten Spielern der Welt messen zu dürfen, die wir bei den Paralympics in Sotschi noch im TV gesehen haben“, sagt Lucas Sklorz.

Nationaltrainer ist ein ehemaliger Profi der Kölner Haie

Vor dem Nationalteam von Cheftrainer Andreas Pokorny, früher Eishockey-Profi bei den Kölner Haien und deutscher Nationalspieler, liegt eine spannende und wichtige Zeit. Zunächst steht vom 5. bis 11. April 2016 die Europameisterschaft in Östersund (Schweden) auf dem Programm, ein Jahr später geht es zu den Weltmeisterschaften nach Südkorea – und 2018 hoffentlich zu den Paralympischen Spielen in Pyeongchang. „Bei der EM können wir ohne Druck aufspielen. Es ist allerdings eine ganz wichtige Erfahrung für die WM, bei der wir uns für die Paralympics qualifizieren wollen“, betont Andreas Prokorny.

Die Enttäuschung über die knapp verpasste Teilnahme 2014 ist verdaut, der Blick nach vorne gerichtet. „Wir sind auf einem guten Weg und haben auf jeden Fall die Hoffnung, dass es diesmal klappt“, sagt der Nationalcoach. Mut macht der große Zusammenhalt im Team, die verbesserte Defensive und die gute Entwicklung seiner Athleten. „Gerade die jungen Spieler wollen wir noch besser machen“, so das Trainerduo Andreas Pokorny und Michael Gursinsky. Und unbedingt neue Spieler hinzugewinnen. Dass das allerdings keine einfache Aufgabe ist, unterstreicht auch die Tatsache, dass Lucas Sklorz noch immer zu den jüngsten Nationalspielern gehört. „Eishockey hat in Deutschland schon nicht die größte Lobby, daher ist Sledge-Eishockey eine absolute Randsportart“, sagt Sklorz.

Die Sledge-Eishockey Liga besteht nur noch aus vier Teams, im gesamten Süden Deutschlands gibt es gar keine Mannschaft, die am Spielbetrieb teilnimmt – auch nicht in Eishockey-Hochburgen wie Mannheim, Nürnberg oder Augsburg. „Wenn wir unsere Sportart präsentieren, erhalten wir viel Zuspruch und sind eine richtige Attraktion. Neue Spieler bekommt man aber meist nur durch persönliche Kontakte hinzu“, berichtet Sklorz.

So ist es für die deutschen Sledge-Eishockey-Spieler gleich ein doppelter Kampf: auf dem Eis um die Paralympics-Qualifikation, und abseits davon um personellen Zuwachs. Im Ligaspielbetrieb können übrigens auch Menschen ohne Behinderung mitmachen. „Und das war schon so, als das Wort Inklusion noch nicht in aller Munde war“, sagt Lucas Sklorz mit einem Augenzwinkern. Neuen Schwung könnte natürlich auch die ersehnte Qualifikation für Pyeongchang 2018 mit sich bringen. Es wäre erst die zweite Teilnahme an den Paralympics nach Turin 2006. Gründe genug, um auf dem Weg nach Südkorea alles zu geben – nicht nur für die „erfahrenen Talente“ wie Lucas Sklorz, die unbedingt ihre Paralympics-Premiere erleben wollen.

Weitere Infos unter www.sledgeeishockey.de oder unter www.deutsche-paralympische-mannschaft.de.

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Veröffentlicht in: Nachrichten, Sport

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