Charlotte Roth im RehaTreff-Interview

„Wir sollten alle einen Bezug zum Thema Behinderung haben“

Der neue Roman der Bestsellerautorin Charlotte Roth war bei der REHAB 2015 noch druckfrisch. „Als der Himmel uns gehörte“ ist eine Familiengeschichte. Eine Urgroßmutter und ihre Urenkelin nehmen beide an Olympia teil. Die eine als Bogenschützin in Berlin 1936, die andere in London 2012 als 10.000-Meter-Läuferin. Die Uroma hilft der jungen mit ihrer Lebenserfahrung über eine Psychokrise hinweg. Es geht auch um Paralympics und Stoke Mandeville. RehaTreff hat Charlotte Roth zum Interview getroffen.

CharlotteRoth

Matthias Kuhlemann vom Droemer Knaur Verlag und Bestsellerautorin Charlotte Roth.

 

Frau Roth, Sie wohnen in London, auf Ihrem neuen Buch steht, dass Sie ständig durch ganz Europa reisen. Wie ist das Leben einer Bestsellerautorin?

Ich habe in Italien studiert, wo wir noch einen Wohnsitz haben, wir sind viel in Deutschland, mein Mann ist Brite, aber seine Familie stammt aus Schottland und Andalusien. Wir besuchen viel Verwandte. Da eines unserer drei Kinder aber noch schulpflichtig ist, sind wir auch viel in London. Ich bin eigentlich Übersetzerin und übersetze für unseren Lebensunterhalt viel aus dem Englischen. Ich habe auch Übersetzer an der Uni ausgebildet und mache momentan auch Projekte für ein Museum.

Was hat Sie dann dazu bewogen, ihr erstes Buch zu schreiben?

Ich schreibe schon Romane seit ich 7 Jahre alt war. Es ist eher die Frage, was mich bewogen hat, mal eins zu veröffentlichen (lacht). Das ist wie eine Sucht. Thematisch habe ich immer über Krieg und Völkermord und über Menschen, die ausgeschlossen, die verfolgt werden, weil sie anders sind, geschrieben.

Warum haben Sie die Themen Paralympics und Olympische Spiele ins Zentrum Ihres neuen Buches gestellt?

Sport ist nur ein Thema, mir geht es auch um Nationalsozialismus, Völkermord und Rassenhass. Sportler haben nur ein bestimmtes Zeitfenster in ihrem Leben, in dem sie ihren Traum verwirklichen können. Die Frage ist, was machen sie aber, wenn sie damit in die falsche Epoche geraten? Was ist – auch wenn man sich für Politik nicht interessiert – man feststellen muss, dass man missbraucht wird, dass man das, was man machen möchte, nicht verwirklichen kann, ohne sich vor einen Karren spannen zu lassen und dass man eine Entscheidung treffen muss: Mache ich das weiter, oder denke ich um, dass es eigentlich Wichtigeres gibt? Das ist für mich auch das Aktuelle an dieser Frage, dass ich denke, diese großen Sportereignisse haben immer noch diesen Stellenwert. Sie können verbinden, sie können Nationen einander vorstellen, sie können ein Ort der Begegnung sein, aber wenn wir sie missbrauchen und in Ländern austragen, in denen Menschenrechte verletzt werden, dann sind sie auch heute noch ganz leer. Dann weiß ich nicht, warum wir sie noch stattfinden lassen.

In Ihrem Buch geht es aber auch um das verbindende Element zwischen Behinderten und Nichtbehinderten, die Paralympics.

Ja, das war eben das, was meine Figuren aus dem was sie getan haben, mitnehmen sollen. Meine Hauptfigur, eine Olympionikin 1936 in Berlin, hat einen Neffen, der körperbehindert ist, und einen Onkel, der jüdischer Abstammung ist. Sie erlebt deren Verfolgung und ist erschüttert davon, dass sie sich von den Nazis hat missbrauchen lassen. Sie sagt sich am Ende, wenn wir diesen Traum von Olympia weiterleben, müssen wir etwas Positives daraus machen und sagen, wir wollen alle Menschen einschließen, wir wollen nicht nur sagen, es geht ums uns, um Medaillen, Rekorde, sondern es geht um etwas Inklusives. Der olympische Traum ist für alle da. Alberta beteiligt sich dann mit dem Arzt Dr. Guttmann an der Stiftung Stoke Mandeville. Das ist für sie jetzt das Wichtige, die olympische Familie zu erweitern. Entweder es ist für alle da oder es ist entleert und hat keinen Wert mehr.

Warum haben Sie sich Dr. Ludwig Guttmann, Begründer der modernen Querschnittmedizin und Initiator der Paralympics als eine Figur Ihres Romans ausgesucht?

Dr. Guttmann musste selbst fliehen. Er sagte, ich möchte etwas zurückgeben an die Menschen, die mich gerettet haben. Ich lebe in London, meine Kinder sind eben auch zur Hälfte deutscher Abstammung, für sie ist es auch sehr schwierig, mit dieser Schuld aus der Nazizeit umzugehen. Für meine Kinder ist es sehr wichtig, dass man ihnen Persönlichkeiten wie Dr. Guttmann vorstellt, und sagt, es hat ganz andere Menschen gegeben. Das ist auch ein Teil Deutschland. Es ist furchtbar schade, dass er so wenig bekannt ist. Das sind die Helden, die wir nicht besingen, die keine Rekorde brechen, die aber das Leben von ganz vielen Menschen verändern, Massen verändern und uns allen Inspiration und Ermutigung sind.

Haben Sie auch einen persönlichen Bezug in Ihrem Umfeld zum Thema Behinderung?

Ja, ich habe jemanden in der Familie, der querschnittgelähmt ist und wir haben auch einen Bekannten, der an den Paralympics teilgenommen hat. Aber ich denke, wir sollten dazu alle einen Bezug haben.

Sie sind Bestseller-Autorin, wie arbeiten sie?

Die Recherche ist für mich der schönste Teil. Man erfährt dabei 1.000 neue Geschichten. Ich bin niemand, der sich Geschichten gut ausdenken kann. Ich muss sie finden, Leute müssen sie mir erzählen. Man kann sich dabei an bestimmte Organisationen wenden und sich Interviewpartner vermitteln lassen. Das sind die schönsten Zeiten, in denen man mit Menschen spricht, das Gesagte dann auswertet und nachrecherchiert. Außerdem gibt es viele Film- und Tondokumente für diese Epoche.

Arbeiten Sie schon wieder an einem neuen Buch?

Ja, allerdings nicht unter Charlotte Roth, sondern einem anderen Pseudonym. Dabei geht es um entartete Kunst. Aber auch unter Charlotte Roth veröffentliche ich im kommenden Jahr ein weiteres Buch. Es spielt wieder in Berlin und zur selben Epoche, und es geht um viele Tiere. Mehr darf ich leider noch nicht verraten.

Was ist ihr Traum für die Zukunft?

Frieden in Irak und Syrien.

 

 

Dieser Artikel erschien im RehaTreff (02/2015).
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