Der Gesundheitsgesellschaft näher kommen

Gesundheitskongress Saarbrücken

Auftakt zum SALUT-Kongress in Saarbrücken. Foto: Tom Maelsa

Mit rund 750 angemeldeten Besuchern und Grußworten der Gesundheitsministerin des Saarlandes, Monika Bachmann, und ihrer luxemburgischen Ministerkollegin, Lydia Mutsch, ist der Kongress „SALUT! DaSein gestalten“ gestartet. Während der nächsten zwei Tage verknüpfen 160 Referenten unter dem Motto „Reformen nutzen – Innovationen gestalten“ Impulse von Gesundheitsanbietern und regionalen Netzwerken mit den Lebenswelten von Bürgern bzw. Patienten und diskutieren sie im Kontext bundespolitischer Rahmensetzung.

Prof. Dr. Günter Neubauer vom Institut für Gesundheitsökonomie München bürstete das System gegen den Strich. Die Gesetzesflut werde auch in der nächsten Legislatur nicht abreißen, betonte er. Dies sei ein Zeichen dafür, dass Patienten nicht gefragt und Reformen gedeckelt würden. Das Krankenhausstrukturgesetz (KHSG) etwa hätte sich damit auseinandersetzen müssen, wie Kliniken die Investitionsförderung erhalten, die sie brauchen. Denn wer nur drei Prozent investieren könne, könne nicht innovativ sein. Neubauer konstatierte, ein Bundestag sei nicht in der Lage Innovationen voranzutreiben. Der Innovationsfonds werde das belegen. Neubauer plädierte mit einem innovativen Patientensouveränitätsstärkungs-Modell (PSSM) für die Stärkung der Mitwirkungsrechte für Versicherte und Patienten. Der Patient solle die Möglichkeit haben, ein persönliches Patientenbudget bei seiner Krankenkasse zu beantragen, dass über ein virtuelles Konto geführt werde. So könnte er entscheiden, welche Leistungen er in Anspruch nehmen wolle. Der Patient entscheide selbst, was bedarfsgerecht sei. Gerade bei chronischen Erkrankungen könne man den Patienten mit in Diagnostik und Therapie einbinden. Am Beispiel der Dialyse beschrieb Neubauer seinen Ansatz und empfahl die Erprobung persönlicher Budgets mit ausgewählten Krankenkassen und Leistungserbringern.

Bereits am Vorabend waren zahlreiche Gäste aus Politik, Wirtschaft, Gesundheitsbranche und den Verbänden der Einladung der saarländischen Wirtschaftsministerin, Anke Rehlinger, gefolgt. Eine Expertenrunde aus allen wesentlichen Bereichen des Gesundheitswesens diskutierte Herausforderungen für die Gesundheitswirtschaft im Spannungsfeld zwischen Regionalisierung und Internationalisierung.

Auf dem Zukunftsforum zog der Keynotespeaker, Prof. Dr. Helmut Brand, Leiter der Abteilung International Health der Universität Maastricht/Niederlande, eine Bilanz der Veränderungen und Herausforderungen mit Blick auf Versorgungsinnovationen und Standortentwicklung. Die Innovationsmaschine Europa stottere, sagte Brand. Die lokale wie die regionale Ebene müsse erkennen, dass man nicht isoliert nur vor der eigenen Tür arbeiten könne. Europa wende sich zunehmend dem Gesundheitsbereich zu. Das Management der Gesundheitssysteme in den Ländern läge nun nicht mehr allein in der Hoheit der Mitgliedsstaaten. Regionale Gesundheitsversorger müssten begreifen, dass daraus die Chance erwachse 500 Millionen Menschen als Kunden ansprechen zu können. „Dienstleistungen können jetzt über Raum und Zeit erbracht werden. Das ist neu für Gesundheit“, so Brand. Dienstleistungen könnten nun in wenig bevölkerte Regionen gebracht werden. Das erlaube, die Bereiche auszulasten, die sonst von Schließungen bedroht wären. Zu den treibenden Kräften der nächsten zehn Jahre zählten Big Data, personalisierte Medizin und die Frage „wofür zahle ich eigentlich“. Als Lösung für die gerade in Deutschland viel diskutierte Datenschutzproblematik schlug Brand ein genossenschaftliches Modell vor, das persönliche Gesundheitsdaten verwalten solle.

Das Saarland befinde sich in der Randlage Deutschlands, aber auch im Herzen Europas sagte Ministerin Rehlinger. Europa werde hier gelebt, auch im Gesundheitswesen. Gemeinsam mit den französischen Nachbarn habe man Ideen entwickelt, wie etwa ein grenzüberschreitender Rettungsdienst die schnellstmögliche Versorgung der Menschen organisieren könne. Für das Saarland sei zudem wichtig, Alleinstellungsmerkmale auszubilden und zu fördern. Auf Initiative des Wirtschaftsministeriums habe man untersuchen lassen, inwieweit der Gesundheitstourismus bei klar medizinisch indizierten Leistungen ausgebaut werden könne. „Da das Land über eine weitreichende Expertise im Bereich des Hörens verfügt, haben wir ein branchenübergreifendes Versorgungsmodell für die Behandlung mit Cochlea Implantaten entwickelt“, erklärte Rehlinger. Da diese eine langfristige Betreuung der Patienten erforderlich machen, habe man Akteure aus den Bereichen Medizin und Hotellerie an einen Tisch gebracht, um eine Servicekette von der Diagnostik über den Eingriff bis zur Gestaltung des Umfelds speziell für diese Patientengruppe aufbauen zu können. Inwieweit die Angebote des im Mai 2015 gegründeten „Netzwerks Hören“ greifen, soll nun evaluiert werden.

Birgit Fischer, Staatsministerin a. D. und Hauptgeschäftsführerin des vfa, Verband der forschenden Pharmaunternehmen, sagte, die digitale Gesundheit 4.0 sei ein wesentlicher Treiber für das Gesundheitswesen. Entscheidend dafür sei die Dynamik zwischen regionaler und europäischer Entwicklung. Die Welten regionale Gesundheitsversorgung und europäische Gesundheitswirtschaft müssten synchronisiert werden. Noch habe man in Deutschland die Möglichkeit, diesen Prozess gewinnbringend zu steuern, bevor private Akteure das Heft fest in der Hand hielten.

Er mache sich Sorgen um die Innovationsdynamik in der Gesundheitsbranche, betonte der Sprecher des Netzwerks Deutsche Gesundheitsregionen, Prof. Dr. Josef Hilbert. Der geschäftsführende Direktor des Instituts Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen (IAT) sagte, zwar sei der Bereich Forschung & Entwicklung in den letzten Jahren sehr gut gewesen. Auch hätten deutlich erhöhte Finanzmittel zur Verfügung gestanden. Dagegen fiele es außerordentlich schwer, erfolgreiche Pilotprojekte in der Breite umzusetzen. Besonders bei der Telemedizin nähme dies mittlerweile bedrohliche Ausmaße an. Auch bei der integrierten Versorgung sei kein Weiterkommen in Sicht. Er sei sich nicht sicher, ob der Innovationsfonds neue Impulse setzen könne. „Wir müssen eigentlich breitflächig in die integrierte Versorgung einsteigen. Doch hier gibt es bislang nur ausgewählte Ansätze, bei denen nicht sicher ist, ob sie die gewünschte Breitenwirkung erzielen“, sagte Hilbert und verwies auf das fehlgeschlagene Modell der Anschubfinanzierung. Hilbert forderte außerdem eine Aufwertung der nicht ärztlichen Gesundheitsberufe. Sonst sei in Deutschland die Fachkräfteproblematik nicht in den Griff zu bekommen.

Julius von Ingelheim, Sprecher des Vorstands der Wolfsburg AG, sagte viele Unternehmen, auch der Gesundheitsbranche, hätten noch nicht erkannt, mit welcher Vehemenz disruptive Geschäftsmodelle privater Anbieter in gewachsene Strukturen einbrächen und das System verändern. Gerade kleine mittelständische Unternehmen benötigten Unterstützung, um ihren Mitarbeitenden etwa tragfähige Angebote im Bereich des Betrieblichen Gesundheitsmanagements machen zu können.

Seine Perspektive sei nicht europäisch, sondern die von Nordhessen und der angrenzenden Bundesländern Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, sagte der Vorstandsvorsitzende der Gesundheit Nordhessen Holding, Karsten Honsel. Selbst in diesem regionalen Bereich funktioniere keine länderübergreifende Krankenhausplanung. „Die Ländergrenzen sind wie Beton, wenn sie versuchen in einer Region Gesundheitsversorgung zu gestalten“, so Honsel.

Prof. Dr. Detlev Ganten, Präsident des World Health Summit und Vorsitzender des Stiftungsrats der Stiftung Charité – Universitätsmedizin Berlin, erklärte, Gesundheit sei nicht an Regionen festzumachen, sondern vielmehr ein Globales System. „Alles was wir in Teilbereichen einzeln diskutieren, muss global umgesetzt werden“, so Ganten. Dabei könne Deutschland eine große Rolle spielen. Ganten plädierte dafür, dass auch von Veranstaltungen wie „Salut! DaSein gestalten“ Impulse ausgehen müssten.

Weitere Informationen zum Kongress unter www.salut-gesundheit.de

 

 

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Veröffentlicht in: Medizin

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