Die Sache mit dem Selbstversuch – sinnvoll oder realitätsfern?

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Wer sich auf ein Freiwilliges Soziales Jahr vorbereitet, wird bei den Internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten regelmäßig in den Rolli gesetzt. Fotos: ijgd

Ist das „Ein Tag im Rollstuhl“-Experiment ein reiner Mitleidsverstärker oder kann es je nach teilnehmender Zielgruppe auch sinnvoll sein? Wir haben uns bei Anbietern, Teilnehmern und Betroffenen umgehört.

„Dieses Erlebnis hat mir die Augen geöffnet!“, zitierte die Bild-Zeitung den Fernseh-Arzt und Kabarettisten Eckart von Hirschhausen, nachdem dieser sich für seine Show „Quiz des Menschen“ 2013 für einen Tag zum Selbstversuch in einen Rollstuhl gesetzt hatte.

Das Experiment „Rollifahrer für einen Tag“ ist beliebt, auch Zeitungs- und Fernsehredaktionen lassen ihre Volontäre regelmäßig durch die Stadt rollen und feststellen, wie wenig barrierefrei sie ist. Immer beliebter wird der Selbstversuch ebenfalls in Branchen wie beispielsweise dem Tourismus, die zuvor mit dem Thema Behinderung wenig am Hut hatten.

Aber muss eine Rezeptionistin sich für ein paar Stunden in einen Rolli setzen, um einem Gast mit Behinderung hinterher auf Augenhöhe begegnen zu können? Besteht nicht vielmehr die Gefahr, dass sie aufgrund der kurzen Erfahrung in einem ungelenken Sanitätshausstuhl ihrem rollstuhlerfahrenen und -sicheren Gast gegenüber völlig unangemessen Mitleid empfindet?

Bei dem Architekten, der das Hotel-Foyer plant, kann das Experiment hingegen wünschenswert sein – sofern dieser seinen Perspektivwechsel in einer auf Sitzhöhe abgesenkten Rezeption oder einer Freifläche mit ausreichendem Bewegungsradius verarbeitet. „Ich hatte mal einen Architekten in einer Schulung dabei, der sich nach eigenen Angaben vorher immer über die sechsprozentige Steigung lustig gemacht hatte, die die DIN-Norm zur Barrierefreiheit erlaubt. Nachdem er selbst eine solche Rampe hochfahren musste, hat er nur den Kopf geschüttelt über sein bisheriges Verhalten“, so Gisela Moser, die mit ihrer Firma Mosgito insbesondere die Tourismus-Branche in Sachen Barrierefreiheit schult und berät. Dass auch angehende Stadtentwickler und Landschaftsplaner die richtigen Kandidaten für ein Rollstuhl-Experiment sein können, hat RehaTreff-Redakteur Werner Pohl eindrucksvoll erlebt und beschrieben.

Der Dialog ist zentral

Aktivist Raul Krauthausen

Der Selbstversuch kann nur sinnvoll sein, wenn er von Menschen mit Behinderung begleitet wird, findet Aktivist Raul Krauthausen. Foto: André Byszio

Dass, wie im Fall von Werner Pohl, ein Mensch mit Behinderung das Experiment begleitet, ist für den Berliner Aktivisten der Behindertenszene, Raul Krauthausen, unerlässlich: „Es ist ein Problem, wenn das Experiment unreflektiert gemacht wird. Bei den Teilnehmern bleibt dann nur das Gefühl der Erleichterung zurück, wenn sie wieder aufstehen. Dabei sollen sie im Gegenteil erleben, dass ein Leben im Rollstuhl möglich ist und nicht denken zum Glück kann ich laufen. Die Teilnehmer müssen in den Dialog kommen mit Menschen mit Behinderung.“

Der kanadische Rollstuhlfahrer Jeffrey Preston erkennt in dem Experiment – recht amerikanisch – sogar einen Wettbewerb, aus dem Gewinner und Verlierer beim Überwinden von Barrieren hervorgehen und aus dem die Beobachter den Schluss ziehen könnten: „Die Behinderten müssen sich nur genug anstrengen, dann können sie darüber hinweg kommen.“

Ungeachtet kritischer Worte von Betroffenen, halten Sozialverbände in Vorbereitung auf das Freiwillige Soziale Jahr an den Experimenten fest: „Dieses Angebot stößt immer auf reges Interesse und die Erfahrungen dieses Tages werden von den Freiwilligen sehr wertgeschätzt“, betont Natascha Steier von den Internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten (ijgd), Landesverband Hamburg/Schleswig-Holstein.

Ziel sei es, eine höhere Sensibilität dafür zu entwickeln, dass sich die im Rollstuhl zu schiebende Person geborgen fühle und wie mobil man als Rollstuhlfahrer in der Stadt eigentlich sein könne. Aber auch wie man als Rollstuhlfahrer von nicht-behinderten Zeitgenossen angesehen werde und wie man selbst aus dieser Perspektive auf die Welt schaue. Die Freiwilligen sind in der Regel in Kleingruppen in kleineren bis großen Städten über vier bis fünf Stunden unterwegs. Dabei können sie sich zum Teil selbst Ziele suchen und so die von ihnen präferierten Orte auf Barrierefreiheit testen, wie beispielsweise die Umkleidekabinen von angesagten Klamotten-Läden. Aber auch Aufgaben, bestimmte Orte oder Verkehrsmittel zu testen, werden häufig gestellt. „Die Ergebnisse werden zum Teil auf Wheelmap, einer opensource-map für Rollstuhlfahrer (u.a. von Raul Krauthausen initiiert, siehe auch RehaTreff 4/2015, S. 55, Fünf Jahre Wheelmap, Anm. Red.), vermerkt“, so Natascha Steier.

Behinderung kann man nicht nachempfinden

Auch in der Tourismusbranche ist die Nachfrage nach Simulationsübungen laut Gisela Moser hoch. Die Hessin, die selbst keine körperliche Einschränkung hat, betont aber auch: „Insgesamt müssen solche Übungen gut konzipiert und vor allem richtig angekündigt und erklärt werden, sonst können sie das Gegenteil von dem bewirken, was man möchte. Ich betone im Zusammenhang meiner Simulationsübungen stets, dass man Behinderung nicht nachempfinden kann.

Wer sich mal eben ein Tuch über die Augen bindet – ohne große Vorbereitung einerseits und gleichzeitig mit dem Wissen, dass das Tuch ganz leicht wieder abgenommen werden kann, andererseits – der kann nicht das Gleiche empfinden, wie jemand, der tatsächlich erblindet, und er kann sich natürlich auch nicht so zurechtfinden wie jemand, der den Umgang mit der Einschränkung gelernt hat. Das Ziel meiner Übungen ist deshalb nicht das Erleben des Gefühls, eingeschränkt zu sein, sondern Barrieren zu erkennen, um diese im eigenen Umfeld später abzubauen.“ Letzteres ist gerade im Tourismus ein zentrales Anliegen für Raul Krauthausen: „Macht man das Experiment, um es gemacht zu haben oder um etwas zu verbessern? Eine Stunde im Rolli zu sitzen ist kein Problem, aber danach das Hotelzimmer umzubauen wird Arbeit!“

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In ihren Schulungen simuliert Gisela Moser in Übungen, was es bedeutet, körperlich eingeschränkt zu sein. Foto: Uwe D. Becker und Ralph P. Obersteiner

Vieles bleibt im Dunkeln

Krauthausens Position zum Selbstversuch bleibt aber kritisch: „Den Blick auf langfristige Barrieren können solche Experimente nicht abbilden. Wer einmal einen Tag im Rollstuhl gesessen hat, muss sich keine Strategien überlegen.“ Die Planung, die wahrscheinlich eine der anstrengendsten Aufgaben im Leben mit permanenter Behinderung ist, könne nicht simuliert werden, ebenso wenig politische Barrieren, die Arbeitssuche oder die Zerreißprobe auf Ämtern.

Fazit

Zentrales Problem bleibt, dass Selbstversuche im Rollstuhl und auch in der Alterssimulation die unrealistische Situation schaffen, von heute auf morgen einen Rolli bedienen zu müssen oder um 50 Jahre gealtert zu sein. Das Training in der Reha und ein langsamer Alterungsprozess werden dabei ausgeblendet, die Probanden können nur heillos überfordert und froh sein, wieder in ihr gewohntes Leben zu schlüpfen.

Unter dem Motto „nichts über uns ohne uns“ sollte die Begleitung durch einen „echten“ Rollstuhlfahrer obligatorisch sein, sofern ein Selbstversuch als unverzichtbar für Mitarbeiter oder Studenten eingeschätzt wird. Und wenn es denn schon sein muss, könnten die Organisatoren des Selbstversuches etwas mehr Zeit – und eventuell Geld – einplanen und auch ein kleines Training mit Profis im Rollstuhlbasketball oder im Wheelchairskating einbauen.

So erfahren die Teilnehmer nicht nur, was nicht geht, sondern auch, was alles möglich ist. Das so-tun-als-ob wird aber nie auch nur annähernd einen Einblick in das richtige Leben mit Behinderung geben. Das kann nur der enge Kontakt mit Menschen mit Behinderung. Also am besten die Sanitätshausstühle stehen lassen und die Barrieren im Kopf abbauen, anstatt simulierte zu überwinden.

Miriam Flüß

 

Leserbriefe:

Zu diesem Artikel erreichte die Redaktion des RehaTreff folgende Zuschrift:

Simulationen und Eigenerfahrungen sind sinnvoll

Die Schlussworte von Frau Flüß im letzten Rehatreff kann ich so nicht ohne Anmerkung lassen: „ Also am besten die Sanitätshausrollstühle stehen lassen und die Barrieren im Kopf abbauen, anstatt simulierte zu überwinden“.

Ich arbeite jetzt seit 42 Jahren (zuerst als Übungsleiter, dann als Sonderschullehrer) im Sport mit behinderten Kindern. In dieser ganzen Zeit hat sich kaum etwas Fundamentales bei der Ausbildung geändert. Ich erlebe immer wieder bei meinen Beratungen an „normalen“ Schulen, dass Lehrer und Betreuer nur irgendwelche rein theoretischen Grundinformationen über Behinderungen und deren Auswirkungen bekommen.

Verschiedene „Barrieren im Kopf“ werden überhaupt nicht als solche wahr genommen. Ein einmaliger „Ausflug“ im Rollstuhl, bei dem der Betroffene meistens sogar nur geschoben wird, wird schon als bemerkenswertes Ereignis dargestellt. Derartige gut gemeinte Veranstaltungen können aber nur der Start in ein weiteres lebenslanges Lernen sein.

Aus eigener Erfahrung und der Lerntheorie wissen wir, dass Sachen besser im Gedächtnis bleiben und zu Konsequenzen führen, wenn wir es am eigenen Leib erfahren haben und vielleicht sogar dabei massive Schwierigkeiten erfolgreich überwinden konnten. Daher hat eine im wahrsten Sinne des Wortes gegebene „Begegnung auf Augenhöhe“ seine volle Berechtigung.

Zusätzlich zum Rollstuhltraining haben wir in den letzten Jahren Simulationen zu anderen Körperbehinderungen entwickelt. Ich wette mit den Teilnehmern, dass sie es nicht schaffen, ihren Namen 15 mal zu schreiben. Durch entsprechende Vorgaben wird die Schrift so unleserlich wie beispielsweise bei Kindern mit verschiedenen Formen von Zerebralparesen. Genau dann kommt dann meine sehr provokativ polarisierende Frage: „Könnt ihr mit dieser Schrift die nächste Prüfung antreten? Nein? Also bekommt ihre die Note 6, durchgefallen!“ Bei bis jetzt weit über 1.000 bisherigen Teilnehmern an diesen Simulationen kam immer sehr schnell, dass es ja sehr ungerecht sei, wenn man nur ein schriftliches Ergebnis gelten lässt, aber das nicht angemessen berücksichtigt, was im Kopf alles da ist.

Die darauf folgende Diskussion mit Lehrern und Schülern über Nachteilsausgleich, Hilfestellungen oder Fairness im Umgang miteinander lief dann immer sehr viel entspannter ab als es von Eltern oder betroffenen Kindern vorab befürchtet war.

Eine CD mit den passenden Informationen und Videos können bei mir abgerufen werden.

Ich plädiere für ganz viele gemeinsame Anstrengungen aufeinander zuzugehen. Da darf kein ernst gemachter (!) – nicht nur gut gemeinter- Versuch abwertend angesehen werden. Wir haben immer noch einen weiten Weg zur Integration zurück zu legen.

Helmut Gensler, gensler-coburg@freenet.de

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Veröffentlicht in: Mobilität, Nachrichten

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