By Mai 26, 2008 0 Comments Weiterlesen →

Eröffnung des Zentrums für Querschnittgelähmte der Manfred-Sauer-Stiftung

Manfred Sauer bei der Eröffnung. Foto: AWS

Manfred Sauer bei der Eröffnung. Foto: AWS

Die Leistungsbereitschaft fördern –ein Anspruch nur an Querschnittgelähmte?

Ich habe oft darüber nachgedacht, wie es in der heutigen Konsumgesellschaft gelingen kann, Werte wie Verantwortung und Leistungsbereitschaft zu vermitteln. Wie kann man – vor allem für junge Menschen – Perspektiven schaffen in einer Zeit, in der es nicht genug bezahlte Arbeit für alle gibt? Ich habe mir in diesem Zusammenhang die Frage gestellt, was geschehen würde, wenn ein Unfall mein Leben plötzlich dramatisch verändern würde. Wenn ich bestimmte Dinge des täglichen Lebens nicht mehr allein bewerkstelligen könnte. Was würde ich dann mit meinem Leben anfangen? Könnte ich es überhaupt noch sinnvoll gestalten?

Wir schreiben den 20. Mai 2006, Tag der Eröffnung des Zentrums für Querschnittgelähmte der Manfred-Sauer-Stiftung in Lobbach bei Heidelberg. Ich stehe in der riesigen Empfangshalle und betrachte die neugierigen Gesichter der etwa 300 geladenen Gäste. Auch ich bin voller Erwartung, frage mich, wie hier wohl die Visionen des Manfred Sauer umgesetzt werden. Diejenigen, die sich bereits genauer umgeschaut haben, zeigen sich beeindruckt. Mein Blick wandert von den durcheinander schwatzenden Leuten in die Mitte des Raumes zum Pendel aus geschlagenem Metall, verweilt dort eine Weile, wird dann aber unweigerlich nach oben geleitet zum Dach, das vollständig aus Glas und Stahlstreben besteht. Dieses Glasdach, das so viel Helligkeit herein lässt, gibt dem Raum etwas Besonderes, Großzügiges. Von hier unten kann ich den Himmel mit den vom starken Wind angetriebenen, schnell vorbeiziehen Wolken sehen, die der Stimmung etwas Dramatisches verleihen.

Schließlich erscheint Manfred Sauer, nicht wie die anderen in elegantem Anzug und Krawatte; er trägt einen schlichten Pullover in Anthrazit, sein Aktenkoffer ruht auf den Knien. Obwohl dieser Tag mit Sicherheit ein sehr aufregender für ihn ist, wirkt er besonnen und konzentriert. Manfred Sauer hat sich ganz bewusst und offensiv der Frage nach einem sinnerfüllten Leben gestellt. Nach seinem eigenen Unfall 1963 hat er diese Frage zunächst für sich selbst beantworten müssen. Doch für ihn war es nach eigenen Aussagen Glück im Unglück, dass er als Frischverletzter im Hospital in Stoke Mandeville (Großbritannien) bei Dr. Guttmann nicht nur seine Erstrehabilitation erhielt, sondern auch eine Erziehung im Sinne der Förderung von Leistungsbereitschaft trotz Behinderung.

Ausgehend von dem Gedanken, dass Verantwortung und selbst erbrachte Leistung zu einem zufriedenen und selbstbestimmten Leben führen, gründete er – durch damalige Versorgungsengpässe angetrieben – die Firmen Sauer Continence und Rolli Company, um Hilfsmittel für Blaseninkontinenz und später Kleidung für Rollstuhlfahrer herzustellen. Der wirtschaftliche Erfolg blieb nicht aus und so zählt sich Manfred Sauer heute zu „den immer weniger werdenden Behinderten, die zwar nicht erfreut, aber dennoch stolz darauf sind, Steuern zu zahlen“.

Um den Erfolg seiner fast 30-jährigen Arbeit denjenigen zurückzugeben, die ihn ermöglicht haben, gründete Manfred Sauer im Jahre 2001 eine Stiftung unter dem Motto „Die Leistungsbereitschaft Querschnittgelähmter fördern“. Er wollte die Ergebnisse seiner Arbeit in etwas Sinnvolles investieren. Doch Geld, so sagt er, ist dabei nicht das Einzige, was man braucht; eine Idee muss hinzukommen und die Verwirklicher, die diese Idee umsetzen. Heute, am Tag der Eröffnung des Zentrums, möchte Manfred Sauer all diesen Verwirklichern Dank sagen, sie alle sind seine Gäste.

Zu Beginn der Eröffnungsveranstaltung begrüßt Karola Schwarz vom Stiftungsvorstand offiziell die Anwesenden. Sie sagt, dass sie stolz darauf sei, einen solchen Chef zu haben, der alle auf Trapp hält und oft in Rage bringt, der Leistungsbereitschaft fördert, weil es ohne Leistung keine Freude gibt.

Dann lässt sich Manfred Sauer mit Hilfe eines Hebelifts auf die kleine Bühne hochfahren. Nicht ohne Stolz sagt er, dass es ihm mit der Errichtung des Zentrums vor allem auch darum ging, den Standort Lobbach für seine Mitarbeiter verlässlich zu erhalten. Auch Ministerialdirektor Rainer Arnold vom Ministerium für Ernährung und ländlichen Raum unterstreicht, dass hier ganz bewusst die Rechtsform der Stiftung gewählt wurde, um den Standort Lobbach zu garantieren. Dieses beispielhafte Projekt habe die Landesregierung gern unterstützt. Und Lobbachs Bürgermeister Heiner Rutsch fügt hinzu, dass die Gemeinde stolz auf ihren größten Arbeitgeber sei, der einst mit 11 Mitarbeitern begann und jetzt insgesamt über 300 Menschen in Voll- und Teilzeit beschäftigt.

Die Idee für dieses Zentrum wurde bereits vor Jahren in der Schweizer Paraplegiker-Stiftung in Nottwil geboren und wendet sich vor allem an Querschnittgelähmte, die aufgrund ihrer Behinderung aus dem Gleichgewicht geraten sind und mit ihrem Schicksal hadern, aber auch an deren Angehörige. Die körperliche Versorgung nach dem Unfall erfolgt zwar in speziellen Kliniken, doch gerade die seelische Stabilisierung bleibt oft auf der Strecke. Und bei fünf Millionen Arbeitslosen könne man, so Manfred Sauer, nicht unbedingt damit rechnen, wieder ins Arbeitsleben zurückzukehren. Trotzdem sei es wichtig, abends mit dem Gedanken ins Bett zu gehen, etwas Sinnvolles getan zu haben. Die breite Angebotspalette im Haus solle dabei helfen, eine mögliche Neuorientierung für sich zu finden. Doch Neuorientierung sei nicht nur ein Thema für Rollstuhlfahrer, sondern für alle Menschen, besonders für die Jugend.

Der Bildhauer Professor Andreas Kienlin lenkt nun unseren Blick auf die Symbole, die er für das Haus geschaffen hat. Er gibt dem 1,2 Tonnen schweren Pendel einen Stoß und mir wird klar, wie ein Unfall das Leben eines Menschen dramatisch aus dem Lot bringen kann. Doch je länger ich auf das Pendel starre und beobachte, wie seine Schwingungen immer kleiner werden, umso deutlicher wird mir auch, dass ich die Dinge im Leben wieder einpendeln können. Dieses Pendel sei, so betont Kirsten Bock, Geschäftsleiterin von Rolli Company, nicht nur ansprechende Kunst, sondern symbolisiere die Impulse, die die Stiftung geben wolle.

In einer Ecke des großen Raumes befindet sich ein weiteres Symbol: ein riesiger, 42 Tonnen schwerer Granitstein, an dem langsam das Wasser aufsteigt und der schließlich umspült wird. Das Wasser steht hier als Zeichen für das Belebende in der Natur; Wasser kann nicht nur Sauberwaschen, Wasser kann auch einen Stein brechen, ihn formen. Es ist in ständiger Bewegung ebenso wie das Leben. Symbolisch ist auch die Schlüsselübergabe durch die Architekten Gerardo De Gioia und Matthias Uhl an Manfred Sauer. Damit ist die Stiftung offiziell eröffnet. Es bleibt mir nun Zeit, mich in den drei Schwerpunktbereichen des Hauses näher umzusehen.

Da geht es zum einen um das Körperbewusstsein. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer es mitunter sein kann, den eigenen Körper in seiner scheinbaren Unvollkommenheit zu akzeptieren, ihn nicht zu verfluchen, wenn er nicht so funktioniert, wie man es möchte, sondern zu versuchen, sich darin wohlzufühlen. Wie kompliziert muss es aber erst sein, wenn man – plötzlich, von einem Tag auf den anderen – im Rollstuhl sitzt und man das Gefühl hat, nicht mehr so leistungsfähig und attraktiv zu sein?

Ich laufe durch die vielen Räume des auf 1400 Quadratmetern geschaffenen Fitnessbereiches, schaue mir die für Rollstuhlfahrer adaptierten Fitnessgeräten, das Bewegungsbad mit seiner Gegenstromanlage und den Massagedüsen an. Besonders gut gefallen mir die verschiedenen Saunen und einladend gestalteten Räume mit Aromadüften und leiser Entspannungsmusik, in denen man zu sich selbst finden kann. Ganzheitliche Körpertherapien aus unterschiedlichen Kulturen, z. B. das indische Ayurveda, sowie weitere klassische und alternative Anwendungen. Unterstützt und begleitet werden die Gäste hier von ausgebildeten Sportlehrern und Physiotherapeuten, die für die Gäste ein passendes Konzept entsprechend ihren persönlichen Zielen zusammenschneiden. Ich denke, hier kann man viel für seine körperliche Ertüchtigung und sein Wohlbefinden tun und Gedanken der Unzufriedenheit und Unsicherheit mit dem eigenen Körper begegnen.

Wenn es um Fragen des Wohlbefindens geht, ist es – so glaube ich – auch immer wichtig, sich praktisch und dennoch schön zu kleiden, insbesondere, wenn man im Rollstuhl sitzt. Das erhöht meines Erachtens das Selbstwertgefühl enorm. In der Boutique von Rolli Company -geschickt in das Herz der Stiftung integriert – erhält man Kleidung, die speziell für Rollstuhlfahrer geschneidert ist. Hilde Richter ist zum Beispiel vom Schnitt der Hosen begeistert. Die Oberteile allerdings, so erzählt sie mir, entsprechen nicht ihren modischen Vorstellungen, die kauft sie in ganz normalen Läden, dort sind sie billiger und sie findet eher etwas, was ihr gefällt. „Aber die Hosen hole ich mir immer bei Rolli-Moden. Die sind zwar ziemlich teuer, aber für das, was sie bieten, leiste ich sie mir.“

Mein Weg führt mich nun zu den exemplarischen Werkstätten. In diesen liebevoll gestalteten Werkstätten bekomme ich regelrecht Lust mitzumachen, zu weben, zu malen, zu sägen und zu bohren. Auf den Tischen liegen Filzarbeiten, Blumengestecke, wunderschön gestaltete Grußkarten. Frau Geng, Pflegewissenschaftlerin aus dem Paraplegiker-Zentrum in Nottwil, ist gerade dabei, ein Seidentuch mit Filzblumen herzustellen. Sie ist in der letzten Woche nach Lobbach angereist, um hier Kreativkurse anzubieten.

Aber kann man, so frage ich mich, all diese Dinge als Rollstuhlfahrer, vielleicht sogar mit einer eingeschränkten Handfunktion tun?

Frau Geng hat viele Erfahrungen aus der Schweiz mitgebracht. Sie will deshalb mit Themen anfangen, die schnell zum Erfolg führen, damit der Kursteilnehmer ein relativ schnelles Erfolgerlebnis hat. Das ist bei Kindern so, betont sie, aber auch bei allen anderen Menschen, vor allem bei Menschen, die auf der Suche nach einem neuen Job sind. Die mal ausloten wollen, was sie für Talente und Fähigkeiten haben.

„Manche kommen zu mir in den Malkurs“, berichtet Frau Geng, „und sagen, dass sie nicht zeichnen können. Aber ich antworte, dass man zum Malen nicht zeichnen können muss. Ich glaube, dass jeder Mensch Farben in sich hat, die er versuchen sollte, auf Papier zu bringen.“

Frau Geng ist davon überzeugt, dass ein Mensch über ein Hobby die gleiche Bestätigung findet, die er auch sonst im Leben braucht. Mit den ersten Kursen wollen die Mitarbeiter zunächst die Leute aus der Umgebung ins Zentrum holen, sie wollen schauen, welche Interessen diese haben, um dann das Angebot auszubauen. Kontakte bestehen auch zu Schulen im Rahmen von themenorientiertem Unterricht. Hauptschüler können zum Beispiel handwerkliche Berufe kennen lernen und für sich als Berufsziel entdecken, wozu sie im normalen Schulalltag meist keine Gelegenheit haben.

 

In das Haus ist auch ein IT-Fortbildungszentrum integriert. Fünf großzügige Seminar- und Schulungsräume stehen mit umfangreicher Tagungstechnik zur Verfügung. Durch die Landesförderung dieses Zentrums mit 600.000 € wird ein beispielhaftes IT-Projekt im ländlichen Raum unterstützt, das Menschen mit Behinderung neue Perspektiven und Chancen in Beruf und Gesellschaft eröffnet. Manfred Sauer will mit diesem Fortbildungszentrum querschnittgelähmten Menschen den Zugang zu neuen Informationstechnologien eröffnen, es ist aber auch gleichzeitig für jedermann offen.

 

Für Menschen, die in ihren Bewegungsabläufen eingeschränkt sind, ist neben Bewegung und Fortbildung auch eine gesunde Ernährung äußerst wichtig. Deshalb wird im Haus eine Mehrwert-Ernährung aus hochwertigen, der Jahreszeit entsprechenden frischen Nahrungsmitteln, einige davon im eigenen Gartenbau erzeugt, angeboten.

Doris Hesse, staatlich anerkannte Diätassistentin und Leiterin der Kreativküche, betont, wie wichtig eine kluge Ernährungsweise gerade für Menschen im Rollstuhl ist und welche große Bedeutung der Gewichtsregulierung und der Verdauungsförderung zukommt. Sie möchte mit verschiedenen Kursen die Gäste des Hauses motivieren, wegzugehen von der Fast-Food-Ernährung, von Fertigprodukten, möchte ihnen zeigen, dass man auch mit ganz normalen Zutaten schnell etwas Gesundes auf den Tisch bringen kann.

Frau Hesse betont dabei: „Wir haben dabei kein Dogma, so dass wir sagen, alles darf nur biologisch, alles darf nur frisch sein. Wir wollen die Leute dort abholen, wo sie stehen und versuchen, sie immer einen Schritt nach vorn zu bringen.“

Für die Zeit ihres Aufenthaltes stehen den Gästen, egal ob als Tages-, Kurz- oder Langzeitgast, sowohl 29 Zimmer sowie – insbesondere für einen Langzeitaufenthalt – 20 Pavillons zu Verfügung, die in einen Landschaftsgarten integriert sind. Natürlich sind alle Unterkünfte barrierefrei gestaltet. Allerdings hat man sich dabei nicht in jedem Fall an die DIN-Norm gehalten, denn gerade für Menschen mit einer Querschnittlähmung sind die extrem hohen Toiletten oft gar nicht nutzbar. Diese Freizügigkeit beim Bauen wurde von vielen Besuchern des Hauses als sehr positiv bewertet.

 

Nun habe ich mir einen recht guten Eindruck vom Haus verschafft. Inzwischen steht ein nächster Programmpunkt an: Vor dem Abendessen wird das erste frisch gebraute Bier aus hauseigener Produktion gezapft. Dann wird zu Tisch gebeten. Zwischen den einzelnen Gängen erklingen immer wieder Jazzstücke aus dem Saxophon von Klaus Kreuzeder. Durch das Glasdach ist jetzt zu erkennen, dass sich Wolken und Regen verzogen haben, die Sonne zeigt sich für eine kurze Weile, als habe sich alle Energie entladen.

 

21. Mai, Tag der offenen Tür in Lobbach. Ab 11 Uhr strömen unzählige Besucher aus nah und fern in die Empfangshalle des Zentrums der Manfred-Sauer-Stiftung, um zu sehen, was hier in den letzten Monaten geschaffen wurde, und um die Angebote des Hauses genau in Augenschein zu nehmen. Von der Bühne hört man die kraftvolle Stimme der Jazz- und Soulsängerin BKey, zum Teil begleitet von einer Big Band. Überall wird Essen und Trinken angeboten, zeitweise ist es nicht möglich, einen Sitzplatz zu finden.

 

Mir wird klar, welchen Stellenwert Manfred Sauer und seine Firmen hier in der Region haben. Er verfolgt dabei ganz bewusst das Ziel, dass Menschen mit einer Behinderung Menschen ohne Behinderung in ihr Leben lassen, damit sie spüren, sie leben nicht allein in dieser Welt. Er will Verständnis füreinander und gegenseitige Rücksichtnahme fördern.

Es ist sicherlich eine große Herausforderung, Menschen zu motivieren, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen, es bewusst zu gestalten, für jeden, unabhängig von einer Behinderung. Manfred Sauer ist das Wagnis eingegangen, dies in die Tat umzusetzen. Möge es ihm und all seinen Mitstreitern gelingen!

Endlich finde ich doch einen freien Platz an der – speziell auf die Höhe von Rollstuhlfahrer zugeschnittenen – Bar. Auf den extravaganten Barhockern mit Traktorsitz kann ich richtig gut sitzen – ohne hochzuklettern, wie sonst bei Barhockern üblich.

 

Neben mir sitzt eine Kontrolleurin aus der Urinalproduktion, die bereits seit neun Jahren hier in der Sauer Continence GmbH arbeitet und mir vom guten Arbeitsklima in der Sauer Continence GmbH berichtet, davon, dass Manfred Sauer ein Chef zum Anfassen sei. „Mit dem kannste babbeln“, sagt sie.

 

Margit Glasow

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Veröffentlicht in: 50. RehaTreff

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