By April 2, 2015 0 Comments Weiterlesen →

Faszination Rollstuhltanz – „Füße wachsen nach!“

Eine der inklusivsten Sportarten überhaupt ist der Rollstuhltanz.“ – Das sagt eine Tänzerin, die es wissen muss. Denn Birgit Habben-Kober gehört mit ihrem Mann Reiner Kober zu den erfolgreichsten deutschen Rollstuhltanzpaaren. Viele Menschen mit Behinderung kennen die sympathischen Tänzer von der Düsseldorfer REHACARE-Messe, wo die beiden regelmäßig auf der Showbühne Lust auf ihren Sport, ja ihren Lebensinhalt, machen.

Rollstuhltanz

Seit sechs Jahren betreiben die Kobers Leistungssport. Sie starten für die VTG Grün- Gold Recklinghausen. Ihre größten bisherigen Erfolge waren ein 10. Platz bei den Weltmeisterschaften 2013 in Tokio und der Gewinn der Internationalen Deutschen Meisterschaft 2012 und 2013. Die beiden tanzen in der Leistungsklasse Standard, Kombi, LWD 1 (= Level of Wheelchair Dancing; Rollstuhlfahrer/in mit eingeschränkter Mobilität im Oberkörper tanzt mit einem Fußgänger, Standardtänze), denn Birgit Habben-Kober ist aufgrund ihrer Multiplen Sklerose Erkrankung seit 1998 Rollstuhlfahrerin.

Kennengelernt hat sich das Bochumer Ehepaar 1992, noch vor der MS-Diagnose. Damals bekam Birgit als ländliche Hauswirtschaftsleiterin eine neue Anstellung im Ruhrgebiet. Sie hatte für einen Fußgänger-Tanzkurs in der Zeitung eine Annonce aufgegeben. „Ich habe mich als Tanzpartner beworben, bin aber für diesen Kurs erst einmal nicht zum Zug gekommen“, erzählt Reiner Kober schmunzelnd. Ein anderer war zwar schneller, aber der Informatiker Reiner hatte am Ende den längeren Atem und wurde erst Birgits Tanz- und später auch ihr Lebenspartner.

Birgit und Reiner Kober tanzten zunächst einige Jahre in einer Tanzschule. Nach den ersten MS-Schüben war Tanzen aufgrund der starken Gehbehinderung nicht mehr möglich. Die beiden nahmen schweren Herzens Abschied von ihrem geliebten Sport.

„Nach einem Aufenthalt in einer Reha-Klinik bekam Birgit ihren ersten Rollstuhl. In ihrer DMSG Selbsthilfegruppe erzählte eine andere MS-Betroffene, dass es in Essen eine Rollstuhltanzgruppe gebe“, erinnert sich Reiner Kober. „Ich konnte mir darunter erst einmal überhaupt nichts vorstellen. Dann haben wir uns das Training angeschaut und waren begeistert.“

Kreativität und Technik gefragt

Fußgänger-Tanzsportler haben einen strengen Figurenkatalog, in dem die Tänze, die Figuren und die Bewegungsrichtung ganz genau vorgeschrieben sind. Außerdem gibt es eine Kleiderordnung. Der Rollstuhltanzsport unterliegt denselben Regularien, und es werden die gleichen Tänze getanzt, aber das Training der einzelnen Tanzpaare ist viel individueller, weil es auf die unterschiedlichen Handicaps abgestimmt wird.

In der IPC-Klassifizierung (Internationales Paralympisches Komitee) werden, je nach Stärke der Einschränkung, zwei Handicap-Gruppen beim Rollstuhltanzsport unterschieden. Dabei gibt es ein Punktesystem. Die LWD1, in der Birgit tanzt, ist die Gruppe der stärker gehandicapten Tänzer. Bewertet werden Rolli-Tänzer im Turniersport genauso wie Fußgänger. Die Wertungsrichter achten auf den Takt, die Charakteristik der Tänze, die Paarharmonie, die Flächenaufteilung und den Schwierigkeitsgrad der Tänze. Beim Tanzen soll das Paar sehr leicht und völlig unangestrengt wirken. „Viele Schrittfolgen sind genauso wie bei den Fußgänger- Tänzern. Aber die Rollstuhltänzer haben andere Techniken und eben keinen

Katalog, der besagt, so hat das zu sein“, erklärt Birgit Habben-Kober. „Wir persönlich versuchen uns jedoch an der Charakteristik des Fußgängertanzsportes sehr stark zu orientieren.“ Die Choreographien betonen dabei immer die Dinge, die Birgit trotz MS gut ausführen kann. Das Tempo ist im Standard in der LWD 1 beim Wiener Walzer und im Quickstepp um ein bis zwei Takte pro Minute reduziert.

Der Körper wird an einem Faden hochgezogen

Birgit und Reiner Kober fungieren seit über 15 Jahren als Co-Trainer der MTG Horst Rollstuhltanzgruppe in Essen. Unterrichtet werden Standard- und lateinamerikanische Tänze, aber auch Disco Fox, Square Dance, Salsa und Gruppenchoreografien. Aber wie erreicht man im Rollstuhl dabei die nötige Anmut? –

„Das ist auch nicht anders als im Fußgängertanzsport. Man muss aufgerichtet sein, stellt sich also vor, der Körper wird an einem Faden hochgezogen, und der Rollstuhl sollte sich wie fast von selbst bewegen“, verrät Birgit Habben-Kober. „Anmut entsteht dadurch, dass man sehr viel Spannung im Körper hat, aber trotzdem auch eine Leichtigkeit. Die Bewegungen und die Musik müssen eine harmonische Einheit bilden, die Tänzer Souveränität und Ruhe ausstrahlen. Das kommt erst durch sehr viel Routine“, setzt der 49-jährige Reiner hinzu. „Die Geschwindigkeit dabei ist nur mit der richtigen Technik erreichbar. Am Anfang brauchen die Leute 70 Prozent Kraft und 30 Prozent Technik, später ist es genau umgekehrt. Dadurch sieht das Tanzen, dann auch so mühelos aus“, so seine Frau Birgit. Man nutze die Physik des Rollstuhls und müsse entsprechend viel darüber wissen. Ein großer Unterschied zum Tanzsport der Fußgänger sei auch, dass der Rollstuhl nicht seitwärts fahren könne.

Das Tanzpaar Habben-Kober auf der REHACARE 2014.

Das Tanzpaar Habben-Kober auf der REHACARE 2014.

Die Konstellationen beim Rollstuhltanz sind vielfältig: Es gibt das Duo-Tanzen, bei dem beide Partner im Rollstuhl sitzen, beim Single tanzt einer allein, in den Niederlanden und Belgien wird auch viel im E-Rolli getanzt. Und natürlich ist die Kombination Rollstuhlfahrer/in und Standing Partner/in (Kombi) sehr häufig zu sehen. Auch wenn, anders als bei den Kobers, der Herr im Rollstuhl sitzt, muss dieser die Dame führen. „Die Dame muss sich führen lassen und dementsprechend auch schnell reagieren. Ansonsten kommt es durchaus schon mal vor, dass Tänzer/innen beim Tanzen aus dem Rolli fallen oder dem Fußgängerpartner über die Zehen rollen“, verrät die Rollstuhltanz-Übungsleiterin. „Aber da lernt man: Füße wachsen nach!“, setzt Reiner Kober lachend hinzu.

Beste Tänzer kommen aus dem Osten

Die besten Rollstuhltänzer weltweit kommen übrigens aus Russland, der Ukraine und Weißrussland. Die erste Goldmedaille bei einer EM für einen deutschen Rollstuhltänzer hat im November nach 19 Jahren der Hannoveraner Eric Machens in der neuen Kategorie Single in Polen geholt.

Für die Kobers ist das Tanzen im positiven Sinne zum Lebensinhalt geworden. Viele interessante Menschen hätten sie ohne ihren Sport nie kennengelernt, spannende Reisen und Turniere nicht erlebt. Empfehlen können sie das Rollstuhltanzen jedem, denn „ jeder Mensch kann tanzen“, und in Deutschland gibt es mittlerweile diverse Vereine und Rollstuhltanzfestivals.

Ein großes Rollstuhltanz-Festival findet übrigens jedes Jahr zu Ostern in den Niederlanden statt. Die Stichting Rolstoeldansen Nederland (Stiftung Rollstuhltanzen Niederlande) (SRN) veranstaltet in Cuijk das Holland Dans Spektakel.

Katja Rosdorff und Eric Scharfenort

 

Trainingszeiten für Sie und Ihn bei der MTG Horst Essen: Mittwochs, 19.30 – 22 Uhr

Bürgerhaus Oststadt, Schultenweg 37, 45279 Essen

Übungsleiter: Udo Dumbeck

Ansprechpartnerin: Birgit Habben-Kober, Mail: Birgit.Habben-Kober@ish.de

Beitrag: 13,50 Euro/Monat (4 x 2,5 Stunden)

http://www.mtg-horst.de/breitensport/rollstuhltanz/index.htm

Holland Dans Spektakel:

www.hollanddansspektakel.nl

Birgit Habben-Kober ist, neben ihrer Übungsleitertätigkeit, auch seit vielen Jahren als Betroffenen-Beraterin bei der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft aktiv und gibt ihre Erfahrungen an MS-betroffene Menschen weiter. In dieser Funktion organisiert sie jeden vierten Donnerstag im Monat in der Kneipe im Bahnhof Langendreer (Bochum) einen „40 + Stammtisch“ für MS-Betroffene.

 

Dieser Artikel erschien im RehaTreff (01/2015).
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Veröffentlicht in: Sport, Kultur

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