By Januar 23, 2015 0 Comments Weiterlesen →

Filmprojekt: Trotz allem Mensch sein

Dennis Klein

Dennis Klein

Behinderungen weltweit

Auf seinen Fotos lächeln sie scheinbar glücklich in die Kamera, doch meistens ist ihnen gar nicht zum Lächeln zumute. Der Realschullehrer Dennis Klein hat ein ganzes Jahr lang in insgesamt 16 Ländern der Welt Menschen mit Behinderung fotografiert und ihre Lebensumstände und -geschichten für einen Dokumentarfilm recherchiert. Das Ergebnis ist schockierend. Unvorstellbare Bilder erwarteten Klein auf seiner Reise. Teilweise hatte man die Betroffenen eingesperrt, von Gesellschaft und Familie isoliert. Halb verhungert ließ man sie allein in ihren Betten zurück. Kinder wurden an Bettgestelle gefesselt, ihre Körper mit Handschellen und Seilen an Eisengittern fixiert. Einige von ihnen hatten noch nie die Sonne gesehen und noch nie Regen auf ihrer Haut gespürt.

Dennis Klein gibt diesen Gesichtern Namen: Die Inderin Sunali (16) hat Zerebralparese und ist dadurch kognitiv leicht eingeschränkt. Sie lebt in Indien in ihrem Elternhaus und war noch nie draußen. Sunali wusste bis zu ihrem 13. Lebensjahr nicht, was Farben sind, dass die Dinge in ihrer Umgebung Namen haben und wie sie selber heißt. Das hat Dennis Klein am meisten erschüttert. Ihre Familie versteckt das Mädchen. Die Mutter weigert sich nach wie vor, das Kind zur Physiotherapie und in eine Schule zu bringen.

Saggar (16) aus Nepal hatte mit seiner Familie in Indien einen Autounfall. Er erlitt dabei ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, seine Eltern nur einfache Knochenbrüche. Sie konnten die Klinik nach wenigen Tagen wieder verlassen. Als der zuständige Arzt ihnen erzählte, dass ihr Sohn schwer behindert bleibt, drehten sie sich um und gingen. Sie ließen ihr Kind einfach im Krankenhaus zurück und kamen nie wieder.

Manuel (19) aus Guatemala hat von Geburt an eine spastische Paraplegie. Auch er war seine ganze Kindheit lang nur im Haus. Er durfte nicht in die Schule in seinem Wohnort weil die Lehrer ihn dort nicht haben wollten. Inzwischen geht er auf eine andere Schule. „Auf der Straße werde ich oft beschimpft: ,Du kannst ja nicht laufen, verschwinde!‘“, erzählt er in dem Dokumentarfilm. Und er sagt: „Ich will oft sterben!“. Im Centro Maya für Menschen mit Behinderung wird er nachmittags nach der Schule aufgefangen und gefördert, zum Beispiel musikalisch. Mit dem Kinn spielt er auf verschiedenen Glöckchen „für Elise“.

Manuel erzählt, dass bis vor kurzem in Guatemala über Behinderung nicht gesprochen wurde. Er will für die Rechte von Menschen mit Behinderung kämpfen. Denn viele fühlten sich gar nicht behindert, aber sie hätten nicht das Leben, das sie möchten.

Dennis Klein begegnete auf seiner Reise vielen behinderten Menschen, deren Würde weder vom Staat geschützt, noch von den Bürgern geachtet wird. „Dass die UN-Konvention für Menschenrechte 2008 nochmals ausdrücklich für Menschen mit Behinderung erweitert werden musste, zeigt deutlich, dass sie noch keineswegs als gleichberechtigt gelten, also gerade vor dem Gesetz nicht gleich gewesen sind. Obwohl inzwischen über 150 Staaten diese UN-Konvention für Menschen mit Behinderung ratifiziert haben, ging damit nicht gleichzeitig ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel einher“, sagt Klein.

Mit dem gedrehten Material möchte Dennis Klein, der ehrenamtlich in der Heilerziehung tätig ist und seit Jahren inklusive Kinder- und Jugendfreizeiten begleitet, noch einen größeren Film produzieren. Toll wäre, wenn dieser sogar im Kino laufen würde. Einen Regisseur, der ehrenamtlich mitwirkt, hat er schon für das Projekt gewonnen. Dem Lehrer schwebt vor, dass dieser Film auf jeden Fall im Schulunterricht gezeigt wird. Doch für die Produktion benötigt der Tübinger noch Sponsoren.

Eins ist Dennis Klein klar geworden: Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention weltweit funktioniert nur unter dem Druck der Menschen mit Behinderung selbst. Die Kontrollen der UNO hält er für wenig wirksam. Dort würden nur leere Worte gesprochen und sinnlose Papierberge zu dem Thema produziert. Von den 16 Staaten, die Dennis Klein bereist hat, waren nach seinem Eindruck lediglich Neuseeland und Australien dabei, ernsthaft an der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention zu arbeiten.

www.inclusion-around-the-world.info

Katja Rosdorff

Fotos: Dennis Klein

 

 

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Veröffentlicht in: Nachrichten, Reise, 50. RehaTreff

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