By November 17, 2014 0 Comments Weiterlesen →

Inkontinenz wird durch demografischen Wandel rasant zunehmen

Inkontinenz

Prof. Dr. Klaus-Peter Jünemann. Foto: Deutsche Kontinenz Gesellschaft

Inkontinenz ist eine Volkskrankheit, über die Betroffene schamvoll schweigen. Jede vierte Frau leidet unter unkontrolliertem Urinverlust – damit ist die in den 80er Jahren noch harmlos klingend als „Befindlichkeitsstörung mit sozialen und hygienischen Problemen“ betrachtete „Einschränkung“ vor allem weiblich. Inkontinenz wurde erst 1990 durch das Bundessozialgericht als Krankheit anerkannt. Ein wichtiger Schritt für die Diagnose und Behandlung mit der Chance zur Entwicklung neuer und moderner Therapieoptionen. Denn Inkontinenz ist kein Lebensschicksal, das Betroffene ohne Aussicht auf Heilung hinnehmen müssen. Der Jahreskongress der Deutschen Kontinenz Gesellschaft in Frankfurt bietet den Teilnehmern den passenden Rahmen für den intensiven Wissensaustausch – und ist zugleich ein wichtiges Forum, um auf die Herausforderungen der Zukunft frühzeitig reagieren zu können. Denn die demografische Entwicklung mit einer älter werdenden Bevölkerung und damit der unausweichlichen Zunahme von Inkontinenz zwingt zu neuen Wegen im Gesundheitssystem.
Mit zunehmendem Alter – und noch gravierender – mit dem Ortswechsel in ein Senioren- oder Pflegeheim steigen die Harninkontinenzraten dramatisch an. Nach Berechnungen des Deutschen Krankenhausinstituts werden bis zum Jahre 2019 jedoch über 37.000 Ärzte in den Praxen und Krankenhäusern fehlen. Wer soll also diese Patienten versorgen? Prof. Dr. Klaus-Peter Jünemann, Erster Vorsitzender der Deutschen Kontinenz Gesellschaft und Direktor der Klinik für Urologie und Kinderurologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, plädiert für speziell ausgebildete Kontinenzschwestern nach österreichischem Vorbild. „Sie müssen aber auch in der Lage sein, die einfachen differentialdiagnostischen Schlüsse zu ziehen, um daraus therapeutische Konsequenzen entwickeln zu können.
Übergewicht und Adipositas sind Mitursache für Krankheiten wie Diabetes, Krebs und Herz-Kreislauf-Leiden – häufig vergessen werden sie aber als Risikofaktor für Harninkontinenz. Mehrere Studien zeigen, dass das Risiko für das Auftreten einer Inkontinenz bei adipösen Frauen rund doppelt so hoch ist wie bei normalgewichtigen Frauen. In einer großen randomisierten prospektiven Studie an 338 inkontinenten Frauen wurden die Auswirkungen einer Änderung des Lebensstils untersucht. Das Ergebnis zeigt, dass mit Ernährungsumstellung und Bewegung ein deutlicher Rückgang der Inkontinenzepisoden zu verzeichnen ist. „Die Folgeerkrankung Harninkontinenz kann durch Lebensstilmodifikationen, die im Wesentlichen mit einer Gewichtreduktion und vermehrter Bewegung einhergehen, in vielen Fällen erfolgreich behandelt werden“, lautet das Fazit von Prof. Dr. Axel Haferkamp, Direktor der Klinik für Urologie und Kinderurologie am Universitätsklinikum Frankfurt.
Die richtige Ernährung spielt auch eine große Rolle bei Patienten mit Mastdarmkrebs, die nach einer Operation mit Erhalt des Schließmuskels mit Stuhlproblemen wie erhöhten Toilettengängen zu kämpfen haben. „Wir weisen unsere Patienten immer darauf hin, dass sich die Kontinenzfunktion im Laufe des ersten Jahres deutlich verbessern kann“, betont Prof. Dr. Wolf Otto Bechstein, Direktor der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum Frankfurt. Durch Hinweise zur Ernährung und die Gabe von Medikamenten zur Reduzierung der Stuhlhäufigkeit sowie Beratung zur Analhygiene lassen sich die funktionellen Folgen der Mastdarmkrebsoperation lindern.
Der Beckenboden ist mit seinen alltäglichen Funktionen wie Harnkontinenz und Darmkontinenz als entscheidende Zone auch für das sexuelle Erleben hochrelevant. Der nicht gewollte Verlust von Urin als gravierender Einschnitt für das Sexualleben ist ein großes Problem für Frauen – auch jüngere Frauen, die nach Schwangerschaft an Inkontinenz leiden. Prof. Dr. Sven Becker, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Universitätsklinikum Frankfurt, weiß: „Diese Frauen haben natürlich auch Angst vor dem unwillkürlichen Verlust von Urin während des Geschlechtsverkehrs, was unweigerlich zu Vermeidungsstrategien führt.“ Inzwischen steht eine Vielzahl von konservativen, physiotherapeutischen und medikamentösen aber auch operativen Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung.
Mehr Informationen befinden sich auf der Website der Deutschen Kontinenz Gesellschaft.

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Veröffentlicht in: Medizin

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