Keine Heldengeschichte, sondern das wahre Leben

4107eUJ3ZvL._SX311_BO1,204,203,200_Benjamin ist Musiker durch und durch. Er hat lange Haare, spielt Gitarre, liebt die Rockmusik der 70er Jahre, experimentiert mit Drogen und verbringt die Zeit am liebsten mit seinen Bandkollegen bei Bier und Zigaretten. Nach dem Schulabschluss beginnt er eine Ausbildung zum Elektroniker, nicht weil es seine Berufung ist, sondern weil er hofft, dem Elternhaus so alsbald entfliehen zu können.

Benjamin hasst dieses Leben: früh aufstehen, arbeiten, essen, schlafen. Nett sein zu Leuten, die er verabscheut, vom Chef drangsaliert werden, leben als willenloser, funktionierender Sklave in einer krankenden Gesellschaft, deren Konsumgeilheit, Unzufriedenheit und Abgestumpftheit er verachtet. Einer Gesellschaft, die sich entschieden hat fürs „Rattenrennen“ und „Eigenheim leisten“ und sich dabei zunehmend selbst entfremdet. Benjamin verfällt in Depressionen. Als er versucht, sich das Leben zu nehmen, ist er 19 Jahre alt.

Die Ärzte holen Benjamin zurück. Diagnose: inkomplette Querschnittlähmung. Nach Intensivstation, geschlossener Psychiatrie und Rehaklinik richtet er sich resigniert im Elternhaus ein, seine Freunde haben sich abgewendet. Er fühlt sich fremd im eigenen Körper, hadert damit, dass eigene Schicksal mit allen Widrigkeiten zu akzeptieren und ertränkt seinen Kummer im Alkohol.

Benjamins Leben nimmt eine überraschende Wende, als er den toupierten und geschminkten Death-Metal Fan Eddi kennenlernt. Eddi sitzt seit einem Badeunfall im Rollstuhl, hat eine Arbeit, fährt Auto und ist beliebt bei den Mädchen. Benjamin wird herzlich in Eddis Freundeskreis aufgenommen, einer Gruppe dunkel gekleideter Metaller, für deren Musik und Lebensstil er bislang nur Spott übrig hatte. Mit seiner fordernden Art holt Eddi Benjamin zunehmend aus seinem Schneckenhaus. Sogar auf den ungeliebten Rollstuhl, ohne den Benjamin nur wenige Schritte an Krücken gehen kann, lässt er sich ein. Und dann ist da noch Emma, ein aufgewecktes hübsches Mädchen, das ihm den Kopf verdreht. Auf die Frage, woher er seine Behinderung hat, findet Benjamin stets Ausflüchte. Bis ihn eines Abends seine eigene Vergangenheit einholt.

Benjamin Schmidt berichtet ungeschönt von den Problemen, mit denen ein Querschnittgelähmter konfrontiert wird und sucht Wege, trotz allem glücklich zu werden. Er hält der Gesellschaft den Spiegel vor, kritisiert ohne zu fordern. Erwarten Sie keine Heldengeschichte, in der sich der Protagonist nach einem Schicksalsschlag wie neugeboren aus der Asche erhebt, anschließend ein mehr als erfülltes Leben lebt und dies der Welt auch mitteilen möchte. In diesem Buch erwartet Sie das wahre Leben, voller Inkontinenz, Einlagen und Erektionsprobleme. Ein Buch, in dem der Autor schlussendlich mit sich selbst ins Reine kommt, voll mit schwarzem Humor, Selbstironie, schonungsloser Ehrlichkeit, Liebe und Musik. Lassen Sie sich darauf ein.

Eric Scharfenort

 

Benjamin Schmidt

Schon immer ein Krüppel

Taschenbuch: 252 Seiten

Verlag: Books on Demand; Auflage: 2 (11. Dezember 2015)

Sprache: Deutsch

ISBN 978-3739204390

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Veröffentlicht in: 50. RehaTreff, Bibliothek

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