By Oktober 21, 2015 0 Comments Weiterlesen →

Vanessa Low fährt mit neuen Prothesen nach Katar

„Mein Laufbild ist jetzt viel runder“, sagt Vanessa Low, „gefühlt ist es ein Unterschied wie Tag und Nacht“. Sie lacht zufrieden. Das kommt auch bei der Internet-Telefonie zwischen ihrer Wahlheimat Oregon, wo sie seit zwei Jahren trainiert, und Norddeutschland bestens rüber. Vanessa Low wirkt optimistisch, zuversichtlich – und ein wenig aufgeregt.

Die Leichtathletik-WM der paralympischen Sportler vom 21. bis 31. Oktober in Doha kann kommen. Soll kommen. „Ich will mir selber nicht zu großen Druck machen“, erklärt die 25 Jahre alte gebürtige Schwerinerin, „aber mit meinen Trainingsleistungen bin ich schon sehr zufrieden“. Im Sommer hat die Weitsprung-Weltrekordlerin einen Versuch gewagt: Sie besorgte sich neue Unterschenkel, sozusagen, „die Federn“.

Foto: DBS

Foto: DBS

Vanessa Low hatten nach einem Bahnunfall 2006 beide Beine oberhalb der Knie amputiert werden müssen. Die Prothesen für den Sport sind Hightech-Konstruktionen, die aus drei Teilen bestehen: dem Schaft, in dem die Oberschenkel eingepasst werden, dem Knie, einer Art Pendel, und eben den Federn. Und die sind jetzt neu. „Ich hatte diese Federn schon bei anderen Athleten gesehen und wollte sie einfach mal ausprobieren“, erzählt sie.

Vanessa Low hatte dann einfach mal beim Fabrikanten  angefragt – und war erfolgreich: Sie bekam einen Satz der rund 15.000 Euro teuren Teile, einfach so. „Leisten könnte ich mir das nicht“. Glück gehabt. Für Bundestrainer Willi Gernemann spielt es keine Rolle, mit welcher Ausrüstung seine Athleten starten, er ist gespannt, wie sich Vanessa Low mit dem neuen Material präsentiert:  „Die Wahl der Prothese ist jedem Athleten freigestellt. Es ist seine eigene Verantwortung. Das ist eine sehr intime Sache und Entscheidung. Vanessa hat mir gesagt, dass sie richtig gut damit klar kommt. Ich hoffe, dass sie richtig was drauf hat.“

Nach der Lieferung im Sommer begannen die Bastelarbeiten und die Feinjustierung: Schaft, Gelenk und Federn mussten angepasst, in der Höhe verstellt und optimal miteinander verbunden werden. Das Kniegelenk wird mit Hilfe eines Öls eingestellt, damit es richtig pendelt. Die neuen Federn wiegen zudem auch noch zwei Kilo und sind damit doppelt so schwer wie die alten. Das sind große Anpassungen.

„Das Abrollverhalten ist anders, ich musste auch lernen, wann das Knie jetzt einknickt“, berichtet Vanessa Low. Solche Änderungen vor einem wichtigen Wettkampf durchzuführen, sind auch ein gewisses Risiko. Aber es hat sich offenbar gelohnt. „Es hat von Anfang an super geklappt – eine faszinierende Erfahrung.“

Doppeltes WM-Duell mit der italienischen Dauerrivalin

In Katars Hauptstadt erwartet die Norddeutsche wieder das Dauerduell mit ihrer italienischen Rivalin Martina Caironi. Beide halten gemeinsam den Weitsprung-Weltrekord mit 4,60 Metern, über 100 Meter aber ist die Paralympics-Siegerin von London 2012 mit einer Bestzeit von 15,15 Sekunden noch schneller als Low (15,58 Sek.).

„Vanessa wirkt sehr athletisch, hat ein gutes Last-Kraft-Verhältnis“, lobt Gernemann. Er sieht Lows Chancen allerdings eher im Weitsprung: „Dass sie da immer einen raushauen kann, hat sie ja schon bewiesen. Wenn sie das Brett trifft, hat sie einen richtigen Bumms und geht richtig ab.“

Doch gerade für den Sprint hat Vanessa Low in diesem Jahr extrem viel trainiert. „Ich glaube, dass es ein enges Rennen werden und ich sie wirklich herausfordern kann“, sagt Low, „ich denke auch, dass in unserer Klasse Zeiten unter 15 Sekunden möglich sind. Mal sehen, wie weit Martina und ich uns pushen können“. Der Bundestrainer würde sich freuen, weiß aber auch: „Über 100 Meter ist ihr Problem der Start, die ersten 50 Meter. Hinten raus ist sie sehr schnell.“

Dass es bei einer möglichen Verbesserung ihrer Leistungen zu Diskussionen über die neuen Federn kommen kann, ist Vanessa Low klar. Aber was soll’s? „Man kann ja auch nicht jeden Menschen in einen Ferrari setzen, und der fährt dann so schnell wie Sebastian Vettel.“ Nein, laufen muss sie selbst, mit Kraft, Fitness und Geschick. Dafür trainiert sie neben ihrem Fernstudium der Medieninformatik bis zu fünf Stunden täglich in Oregon bei Coach Roderick Green, der ihr nach einem Motivations- und Leistungsloch nach 2012 wieder Mut und Zutrauen in die eigene Leistungsfähigkeit gab. Nach Doha reist sie voller Vorfreude und Spannung: „Meine Form ist richtig, richtig gut.“

Andreas Hardt

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Veröffentlicht in: Sport

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