Von der Couch Potato zur Weltmeisterin

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Denise Schindler. Foto: AWS/Rosdorff

Es erscheint Denise Schindler wie ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass die Weltmeisterschaften im Paracycling am kommenden Donnerstag im lombardischen Montichiari auf einer Bahn beginnen, die bei ihr besondere Gefühle weckt. Denn dort, auf dem nach Sponsor ‚Fassa Bortolo’ benannten Holz-Oval, unternahm die 30 Jahre alte Rennfahrerin/Radsportlerin im November 2011 ihre ersten Versuche. „Ich kann mich noch gut daran erinnern“, sagt sie, „einmal rauf auf die Bahn, ganz vorsichtig. Ich habe da meine Runden gedreht und das Bahnfahren gelernt“. Wenn das kein gutes Omen ist.

Knapp viereinhalb Jahre später reist Denise Schindler als gekrönter Star ihrer Sportart zu den UCI-Titelkämpfen vom 17. bis 20. März und erhofft sich Medaillen in der 3000-Meter-Einzelverfolgung, im 500-Meter-Zeitfahren und im Scratch (eine Art Straßenrennen auf der Bahn) der Startklasse C3.

Seit einem Unfall als Zweijährige fehlt ihr der rechte Unterschenkel. Damals rutschte sie in ihrer Geburtsstadt Chemnitz auf glattem Bürgersteig unter die Straßenbahn. Bis sie 13 Jahre alt war, musste Denise Schindler in jedem Jahr eine Operation überstehen. „Ein Leben auf anderthalb Beinen prägt einen“, sagt ihr langjähriger Trainer Tobias Bachsteffel, „entweder wächst man daran, oder man leidet. Denise hat enormen Ehrgeiz und Zielstrebigkeit. Sie ist zu einer großen Athletin gewachsen. Die Konkurrenz in Montichiari und Rio wird es schwer haben.“

Nach Silber in London 2012 soll in Rio wieder Edelmetall her

Rio? Natürlich zielt alles darauf ab. Bei den Paralympischen Spielen in Brasilien vom 7. bis 18. September 2016 strebt Denise Schindler, die dem Top Team des Deutschen Behindertensportverbands (DBS) angehört, ihre zweite Medaille nach der silbernen im Straßenrennen von London 2012 an. Noch muss Radsport-Bundestrainer Patrick Kromer sie vorschlagen und der DBS sie nominieren. Es gibt nach aktuellen Hochrechnungen nur sechs Startplätze für die deutschen Frauen in Rio, inklusive der Handbikerinnen.

Alles andere als die zweite Teilnahme bei den Spielen nach London wäre eine böse Überraschung für Denise Schindler. Sie ist eine der  überragenden Figuren im paralympischen Radsport hierzulande. Und meint: „Ich habe in Südafrika im Trainingslager das Fundament für die ganze Saison zusammengefahren, habe super trainiert und bin gesund durchgekommen. Die Chance, mich zu qualifizieren, ist groß. Ich fühle mich besser in Form als vor einem Jahr.“ Sie bezeichnet sich selbst als wandelnden Bioladen. Smoothies, Goji-Beeren, Chia-Samen gehören zu ihrem Standardfrühstück: Das stärkt die körpereigene Abwehr.

Dank einiger Sponsoren und Unterstützung ihres Arbeitgebers „Netzathleten Media“ hat Schindler ein Sabbatical von ihrem Beruf als Online-Vermarkterin genommen und kann sich seit November professionell auf die WM und Rio vorbereiten. Ihr Umfeld daheim in Dachau mit Bachsteffel, ihrer Mentaltrainerin Linda Schadt, zwei Physiotherapeuten und der Nutzung des Olympiastützpunktes in München ist gut aufgestellt.

Es ist eine kuriose Geschichte, die von ihrem Einstieg in den Hochleistungssport erzählt. Nach dem Unfall zog die Familie Schindler in den Wende-Wirren 1989 aus Sachsen auch wegen der besseren medizinischen Versorgung nach Reichenbach  in die Oberpfalz. „In der Schule hatte ich null Bock auf Sport“, sagt sie. Von den Mitschülern verspottet und vom Lehrer ignoriert, wurde sie zur Couch Potato. Nach dem Abitur schleppte sie eine Freundin, die abnehmen wollte, mit ins Fitness-Studio. Schwitzende Typen saßen dort auf schwarzen Rädern und fuhren sich zu stampfenden Bässen die Seele aus dem Leib – das faszinierte sie. Denise Schindler war 18 Jahre alt, als sie zum ersten Mal auf einem Spinning-Rad saß.  Drei Jahre später überquerte sie die Alpen mit dem Mountainbike von Garmisch zum Gardasee.

Das Covergirl des paralympischen Sports quält sich leidenschaftlich gerne

Die Dachauerin quält sich leidenschaftlich gern – insofern überrascht es nicht, dass die härteste Disziplin ihre liebste ist. Die Einzelverfolgung. Dort will sie am kommenden Donnerstagabend ihren Titel der vergangenen WM in Apeldoorn verteidigen. Zweite wurde sie vor einem Jahr im Sprint, Dritte im Scratch. Wieder wird die stärkste Gegnerin Jamie Whitmore aus den USA heißen. Ihre Dauerrivalin. „Die gesamte Weltspitze wird da sein“, sagt Schindler. Lampenfieber? „Das hat man immer“, sagt sie, „aber ich bin cool genug im Kopf, mich auch mal durchzuquälen, wenn es nicht so läuft, und trotzdem eine Medaille abzugreifen“.

Denise Schindler weiß, dass sie ein Covergirl des paralympischen Sports und des DBS ist. Diese Rolle erfüllt sie mit erfrischender Leichtigkeit. „Sie hat selbst in den stressigsten Momenten ein nettes Wort übrig“, sagt Heimtrainer Bachsteffel, der ihre Professionalität lobt: „Immer gut trainieren, immer gut ernähren, Partys dann verlassen, wenn die harten Drinks auf den Tisch kommen – das ist nicht leicht. Für Denise gehört all das dazu. Sie begreift es als Geschenk, ein Radfahr-Profi sein zu dürfen.“ Quasi nebenbei hat sie ihren Abschluss im dualen Studiengang Sportmanagement und Eventmarketing an der Berufsakademie Riesa gemacht. Sie engagiert sich in einem sozialen Projekt für behinderte Kinder, spricht vor jungen Athleten, kümmert sich um die eigene Vermarktung, füttert die sozialen Netze: was die Energie angeht, scheinen Denise Schindler unendliche Quellen zur Verfügung zu stehen. Das wäre dann auch der einzige kritische Punkt ihres Heimtrainers: „Denise muss ich drosseln. Ihr Ehrgeiz ist immer auf 100 Prozent. Manchmal sind aber auch 80 Prozent genug. Das gibt dann heftige Diskussionen“, sagt Bachsteffel.

Selbst sie, die so im Moment lebt, richtet den Blick nach vorn und über Rio de Janeiro hinaus. Noch einmal vier Jahre weitermachen. Das ist ihr Wunsch. Sie sagt: „Bis Mitte 30 will ich auf jeden Fall fahren. Aber nicht als Omi den anderen hinterher. Deswegen hängt viel davon ab, wie professionell ich nach Rio weitermachen kann.“ Es gebe noch so viel zu verbessern an ihrer Leistung, sagt Denise Schindler. Die Prothetik und die Werkstoffe des Rads entwickelten sich stetig, ihre Position auf dem Rad sei noch nicht ausgereizt. Aber das Leben besteht eben doch nicht nur aus Training und Radfahren, sagt Denise Schindler mit einem Lachen: „Irgendwann könnten Kinder auch mal ein Thema sein.“

DBS/Medienmannschaft

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Veröffentlicht in: Nachrichten, Sport

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