Yoga für Menschen mit Behinderung

Yoga hat nachweislich positive Effekte auf die physische wie psychische Gesundheit. Doch können davon auch Menschen, die im Rollstuhl sitzen, profitieren? Antje Kuwert ist davon überzeugt. Die Yogalehrerin und -ausbilderin setzt sich dafür ein, dass in Deutschland die Yoga-Angebote für Menschen mit Behinderung vielfältiger werden.

Der Bedarf ist auf jeden Fall vorhanden, weiß Rolf Lang. Der Rollstuhlfahrer absolviert zurzeit die erste inklusive Ausbildung zum Yogalehrer. Besuch einer seiner Yogastunden: Rolf Lang atmet tief ein und aus. Dabei lässt er seine Wirbelsäule kreisen, in gleichmäßigen und ruhigen Bewegungen. Er konzentriert sich auf seinen Körper, hat aber gleichzeitig einen aufmerksamen Blick für die Menschen um ihn herum. Sechs Patienten der Orthopädischen Klinik in Hessisch-Lichtenau bei Kassel sind an diesem Tag zu den gemeinsamen Übungen gekommen. Alle sind dauerhaft oder temporär auf einen Rollstuhl angewiesen.

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Dehnen und Atmen: Yogalehrer Rolf Lang leitet ehrenamtlich jede Woche Kundalini-Yoga-Übungen für Rollstuhlfahrer. Foto: Regine Beyß

Rolf Lang selbst ist seit einem Unfall im Jahr 1982 querschnittgelähmt, sowohl seine Beine als auch seine Arme sind betroffen. „Ich weiß durch meine Einschränkung natürlich ziemlich gut, welche Bewegungen und Übungen für einen Menschen im Rollstuhl möglich sind“, sagt Lang. „Und ich kann meine eigenen Erfahrungen in die Kurse mit einfließen lassen.“

Yoga-Erfahrung hat der Grundschullehrer schon viel: Seit über fünf Jahren nimmt er regelmäßig an Wochenendseminaren der Manfred-Sauer-Stiftung teil. „Ich habe sofort gemerkt, dass meine Spastiken weniger wurden und ich weniger Rückenschmerzen hatte“, berichtet er. „Yoga hilft mir, aufrechter zu sitzen und meine Muskeln wieder aufzubauen.“ Auch wenn die mehrtägigen Kurse ihn immer wieder vor neue Herausforderungen stellten und an seine persönlichen Grenzen brachten, wollte er intensiver in die Thematik einsteigen und entschied sich für eine Ausbildung zum Yogalehrer.

Erste inklusive Yogalehrerausbildung

Gemeinsam mit vier anderen Rollstuhlfahrern absolviert er die erste inklusive Yogalehrerausbildung der 3H Organisation, einem gemeinnützigen Verein zur Förderung des Menschen durch Yoga. Seine Ausbilderin Antje Kuwert, die sich bereits seit zehn Jahren mit dem Thema Yoga für Menschen mit Behinderung beschäftigt, erläutert: „Es ist die reguläre Yogalehrerausbildung, wie wir sie schon seit Jahren anbieten. Es hat einfach nur lange gedauert, ein geeignetes Seminarhaus zu finden, das zumindest rollstuhlfreundlich ist.“

An 13 Wochenenden treffen sich die Yoga-Schüler in Räumen der Lebensgemeinschaft Schloss Tempelhof in Kreßberg bei Crailsheim. Die Ausbildung besteht aus vier Modulen: Praxis und Unterricht, Wirkweise und Therapie, Yoga Psychologie und Humanologie sowie Meditation und Philosophie. Im Juli beenden die 21 Teilnehmer die Ausbildung mit einer Prüfung.

Rolf Lang bietet als ehrenamtlicher Übungsleiter in der Orthopädischen Klinik schon jetzt einen wöchentlichen Kurs an. Er möchte auch anderen Menschen mit Behinderung die Möglichkeiten aufzeigen, die Yoga bieten kann. „Es sind ja nicht nur die körperlichen Verbesserungen, es macht auch etwas im Kopf“, erzählt er. „Ich bin viel souveräner geworden und kann nun auch viel besser mit Stress umgehen.“ Das merken wohl auch die Teilnehmer: Das Interesse an seinem Kurs ist stetig gestiegen, und er bekommt viele positive Rückmeldungen.

„Es dient vor allem meiner Entspannung“, sagt Hans Sikora, der regelmäßig die Yogakurse in der Orthopädischen Klinik besucht. „Ich arbeite nach mehreren Operationen an meiner Wirbelsäule nun wieder am Muskelaufbau, das ist sehr anstrengend. Die Yogaübungen helfen mir, dranzubleiben und wieder neue Kräfte zu sammeln.“

 Mehr Lebensenergie und Freude

Auch Antje Kuwert, die jahrelang als Sporttherapeutin tätig war, kann von vielen positiven Erfahrungen berichten: „Die Menschen erzählen mir unter anderem von einem besseren Körpergefühl, einer besseren Atmung und Verdauung, mehr Lebensenergie und Freude, höherer Achtsamkeit und besserer Körperhaltung und Aufrichtung.“ Dafür müssten die Yogalehrer aber je nach Behinderung bestimmte Dinge beachten. „So sollte ein Mensch mit Querschnittlähmung keinen Druck auf die Beine ausüben, da viele Osteoporose haben und beispielsweise die Oberschenkel schneller brechen können“, erklärt Kuwert.

Dennoch glaubt sie nicht, dass eine spezielle Ausbildung nötig ist. „Wenn jemand Yogalehrer ist und schon viel Erfahrung mit Menschen mit Behinderung hat, kann er dies oft selbst herleiten. Für Yogalehrer, die keine Vorkenntnisse in diesem Bereich haben, aber gerne Yoga für Menschen mit Behinderung anbieten möchten, empfehle ich aber eine Fortbildung.“

Kuwert veranstaltet regelmäßig und deutschlandweit Workshops und Wochenendseminare für Menschen mit körperlicher Behinderung. Außerdem organisiert sie Fortbildungen für Yogalehrer, die Interesse am Thema haben. „Ziel ist es, dass es in Deutschland und Europa möglichst viele Yogaangebote für Menschen mit Behinderung gibt“, bekräftigt sie noch einmal.

Yoga unter Gleichgesinnten

Das müssen nicht unbedingt spezielle Yogakurse sein. Je nach Art der Behinderung und der Einschränkung könne der eine oder die andere auch an einem regulären Yogakurs teilnehmen. Aber natürlich gebe es auch viele Einschränkungen, die es erschweren oder mit denen es nicht möglich ist, an einem regulären Kurs teilzunehmen. Kuwert ergänzt: „Auch möchte nicht jeder an einem regulären Yogakurs teilnehmen und fühlt sich wohler unter Gleichgesinnten. Hier sind spezielle Kurse für Menschen mit Behinderung gefragt.“

Wie ein solches Angebot aussehen kann, zeigt Rolf Lang in Hessisch-Lichtenau. Sein Kurs dauert rund 45 Minuten und beginnt mit einem zehnminütigen Aufwärmen: Die Wirbelsäule wird bewegt, die Beinrückseiten werden gedehnt, die Schultern gehoben. Die Teilnehmer sitzen dabei entweder in ihrem Rollstuhl oder auf einer Matte mit speziellem Sitz. Es folgen verschiedene Atemübungen, zum Beispiel die Wechselatmung oder der Feueratem. Den Schluss bildet eine längere Tiefenentspannung.

Eine Reise durch den Körper

„Es ist wichtig, eine Alternative anzubieten oder eine Übung zu ändern, wenn jemand die Bewegung nicht mitmachen kann“, sagt Lang. Mitunter dauere die Anleitung der Übungen dadurch länger, weil die Teilnehmer ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben. „Dafür braucht es vor allem Erfahrung. Aus meiner täglichen Yogapraxis kenne ich viele Übungen und weiß, welche Muskeln beansprucht werden.“ Oft sei es auch schon sehr effektiv, sich eine bestimmte Position oder Bewegung nur vorzustellen und in Gedanken dabei zu sein. Die wichtigste Grundvoraussetzung laute aber: „Nicht in den Schmerz gehen!“

Menschen mit Behinderung sollten sich auf jeden Fall nicht davon abhalten lassen, es mit Yoga zu versuchen, findet Antje Kuwert, denn es sei für jeden etwas dabei, das er für sich mitnehmen und nutzen könne: „Für den einen ist es vielleicht das Atmen, für den anderen sind es die Körperübungen, eine mag die Meditationen mit Mantra, die andere lieber stille Meditationen und noch jemand anderes das ganze Yogapaket. Yoga ist eben sehr vielfältig.“

Regine Beyß

Kundalini_Yoga

Übungsbeschreibungen und Fotos aus dem Buch: „Kundalini Yoga für Rollstuhlfahrer“ von Antje Kuwert, Yogi Press Sat Nam Media, 2014.

 

Drei Übungen zum Ausprobieren

Kamelritt

Kamelritt rückSetzen Sie sich in einfacher Haltung oder aufrecht hin und legen die Hände auf die Oberschenkel. Biegen Sie die Wirbelsäule mit dem Einatmen vor. Dabei bewegt sich das Brustbein nach vorne und oben und die Schultern werden leicht zurückgezogen. Mit dem Ausatmen biegen Sie die Wirbelsäule nach hinten und machen einen runden Rücken. Der Kopf wird immer gerade und aufrecht gehalten. Konzentration: Schauen Sie auf das Dritte Auge und denken Sie „Sat“ beim Einatmen und „Nám“ beim Ausatmen. Diese Übung wirkt auf die gesamte Wirbelsäule, die Rücken- und Brustmuskulatur, die Nieren und auf das Nervensystem.

Drehsitz

DrehsitzSetzen Sie sich in einfache Haltung oder nehmen Sie eine aufrechte Sitzhaltung ein und richten Sie die Wirbelsäule ganz bewusst auf. Strecken Sie das linke Bein gerade nach vorn. Stellen Sie den rechten Fuß über das linke Bein hinweg auf dessen Außenseite auf den Boden. Das rechte Bein ist angewinkelt. Halten Sie das rechte Bein mit dem linken Arm aufrecht und stützen Sie sich mit dem rechten Arm so ab, dass die Wirbelsäule aufrecht und gerade bleibt. Drehen Sie Oberkörper und Kopf soweit, wie es Ihnen angenehm ist, nach rechts. Wechseln Sie nach ein paar Atemzügen die Drehrichtung.

Variante: Drehsitz im Rollstuhl

Drehsitz im Rolli2 Wenn Sie im Rollstuhl sitzen, legen Sie die rechte Hand entweder an die Außenseite Ihres linken Oberschenkels oder an den Rollstuhl und drehen dabei den Rumpf nach links. Den linken Arm ziehen Sie hinter die Rückenlehne. Drehen Sie den Kopf, soweit es Ihnen angenehm ist, nach links. Atmen Sie ein paar Mal auf dieser Seite ein und aus und machen Sie die Drehung in die andere Richtung. Diese Übung mobilisiert die Wirbelsäule, löst Verspannungen und leichte Blockierungen im Rücken, stimuliert die Bauchorgane und wirkt auf das Nervensystem.

Schulterkreisen

Schulterkreisen1Setzen Sie sich aufrecht hin. Sowohl in einfacher Haltung als auch in einer aufrechten Haltung können Sie entweder die Hände auf den Oberschenkeln liegen lassen oder als Variante die Hände auf die Schultern legen. Kreisen Sie mit der rechten und der linken Schulter einige Male im Wechsel nach hinten. Danach wechseln Sie die Drehrichtung. Lassen Sie die Atmung ruhig und gleichmäßig fließen. Variante: Sie können auch mit beiden Schultern gleichzeitig einige Male nach vorne und danach nach hinten kreisen. Diese Übung wirkt auf Schulter- und Nackenmuskulatur, Halswirbelsäule und den Brustkorb.

 

 

Dieser Artikel erschien im RehaTreff (02/2016).
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Veröffentlicht in: 50. RehaTreff, Nachrichten

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