By Juni 10, 2014 0 Comments Weiterlesen →

Andreas Pröves Traum von Tibet

Andreas Pröve

Foto: Andreas Pröve

Grenzgang im Himalaya

Seit 30 Jahren setzt sich Andreas Pröve auf seinen Touren extremen Belastungen aus. Nun ist er von einer 5000 Kilometer langen Reise zurückgekehrt, die im tibetischen Hochland zu einem dramatischen Höhepunkt kam. Nun darf er stolz behaupten, als erster Mensch im Rollstuhl die Quelle des Mekong erreicht zu haben.

Ich hatte Angst. Angst vor der der Kälte, den Entbehrungen, den Auswirkungen der Höhenkrankheit, den unberechenbaren Wetterumschwüngen in 5000 Meter Höhe. Angst auch vor den Heimsuchungen, die einen Querschnittgelähmten ereilen können, von Durchfall über Harnwegsinfekten bis Dekubitus, mehr als fünf Tagesreisen von einer wie immer gearteten Toilette, einer rudimentären medizinischen Versorgung und einem Telefonnetz entfernt.

Ein weiterer Gedanke bereitete mir Kopfzerbrechen: Werde ich den Zeitpunkt erkennen, an dem es besser ist umzukehren? Oder wird mein Ehrgeiz mich blind machen für die Gefahren und keine Ruhe geben, bevor ich mein Ziel, die Quelle des Mekong, erreicht hatte? Mir war klar, mit dem, was ich vorhatte, werde ich meine physische Belastbarkeit auf eine harte Probe stellen, ja, ich machte mich auf die Suche nach meinen Grenzen.

Im Dezember 2010 war ich in Hoh-Chi-Minh-City, alias Saigon, nahe der Mündung des Mekong, gestartet. Ich folgte dem Strom durch Vietnam, Kambodscha, Laos und Südchina, war den Herausforderungen erlegen, als die ersten Ausläufer des Himalaya am Horizont auftauchten und nahm voller Elan die ersten Steigungen in Angriff. Schon lange war ich zu der Erkenntnis gekommen, dass sich die Welt nur dem öffnet, der ein gehöriges Quantum Leidenschaft und Neugier mitbringt und der obendrein bereit ist, für die Erfüllung seiner Träume zu entbehren und Opfer zu bringen. Denn: ohne Mühsal kein Lohn.

Nun bläst ein eisiger Wind Hagelkörner in mein Gesicht – es ist saukalt. Mich schauen sieben schwer beladene Pferde und neun Träger erwartungsvoll an, einer pittoresker als der andere: Sie wollen Befehle. Ich zögere. Es hat Tage gedauert, bis ich diese bunte Truppe zusammengewürfelt hatte und Proviant und Ausrüstung organisiert war. Mindestens drei harte Tagesmärsche durch das tibetische Bergland stehen uns jetzt bevor, drei Tage mit Jeeps durch Flusstäler und über Hochmoore liegen hinter uns.

Andreas Pröve

Foto: Andreas Pröve

Mein rechtes Sitzbein ist immer empfindlich, war schon beim Aufbruch rot, schreit nun nach Entlastung – das sagt mir meine Intuition. Ich verspreche mir, mich von heute an öfter hoch zu stützen. Wie die Haut aussieht, daran will ich nicht denken. Dieses eine Mal soll es mir egal sein, denn eine solche Chance würde ich in meinem Leben nicht wieder bekommen.

Start ins Ungewisse

Ich blase zum Aufbruch. Im Gepäck: ein totes Lamm, eine Kiste getrocknetes Yackfleisch (asiatisch; dem Rindfleisch ähnlich, d.R.), zehn Kilo Gemüse und Obst, ein Sack Nudeln, mehrere Kocher und Geschirr, drei große Schlafzelte, ein Küchenzelt, ja sogar ein Koch ist dabei, Sauerstoffflaschen (die Masken dazu hatten ich vergessen, wir müssen an den Schläuchen saugen), Medikamente gegen Atemnot und Kopfschmerz und ganz wichtig: 20 Dosen Tsingtao-Bier zum Anstoßen am Ziel. Meine Träger dachten an alles, vermuteten wohl, dass ich das Bier aus der deutschen Brauerei in China bevorzugen würde.

Auch ich bin gut vorbereitet. In Zaduo, der letzten Ansiedlung, dort wo alle Straßen enden, hatte ich aus dem Vorderrad und dem Andockmechanismus des Handbikes meinen Rolli zu einem Sulky, eine Art Trabrennwagen mit extrem verbreiterter Spur, gemacht. Damit kann ich jetzt je nach Gelände verschiedene Arten der Fortbewegung wählen: die Pferde anspannen, beim überqueren gefrorener Flüsse selbst reiten, mit Hilfe von zwei Metallstangen und vier Trägern abheben und mich tragen lassen, oder, in Extremsituationen, zum Rucksack mutieren. Dann übernimmt mich der bullige Yong auf seinem Rücken.

Mit einer guten Planung können wir die Gefahren minimieren. Nur das Wetter bleibt unberechenbar. Es ist Juni, die warme Jahreszeit. Hagel wird von Schnee oder Regen abgelöst, manchmal kommt auch alles gleichzeitig vom Himmel, und das bei eisigem Wind. Meine Beine hassen die Kälte. Schlechte Durchblutung und – von gelegentlichen Spasmen abgesehen – wenige Muskelbewegungen, lassen sie selbst bei Plusgraden bis ins Mark vereisen. Warm werden sie erst Stunden später, manchmal braucht es eine ganze Nacht. Dann muss ich mich warmzittern. Als einziger, der sich nicht viel bewegt, bin ich mit diesem Problem allein.

Das tibetische Hochland, groß wie ganz Deutschland, an dessen südlichen Flanken sich die Gipfel des Himalaya erheben, in dem Jangtze, Hangpho, Salween und Mekong entspringen, besteht zum größten Teil aus Hochmoor. Gefährliche Hohlräume unterhalb der Grasnarbe, tiefe Wasserbassins und der teilweise gefrorene Boden, dazu die sauerstoffarme Luft, bereiten meinen Trägern die größten Schwierigkeiten. An allen vier Ecken ringen sie nach Luft und keine dreihundert Meter sind damit zu machen: absetzen – Pause­ – an die Flasche. Yong, der kräftigste, verträgt die Bedingungen noch am besten, er kommt aus dem erdbebengeplagten Yushu. Die anderen, Ji, Li und Wei sind zugereiste Wanderarbeiter, Flachlandbewohner aus Kanton. Sie und ich brauchen zusätzlich Sauerstoff. Nagender, mein Fotograf und Kameramann, der die Expedition dokumentiert, kommt aus Delhi. Er hetzt mit seiner Ausrüstung dauernd um uns herum. Er ist nicht weniger anfällig gegen Luftnot und um jede Pause froh. So vergeht der Tag, ohne dass sich die drei schneebedeckten Gipfel am Horizont, das Quellgebiet des Mekong, spürbar nähern.

Die Höhenkrankheit macht uns schwer zu schaffen.

Zelt aufschlagen bei Sturm und Hagel ist nicht lustig. Bleibt einem noch die Luft weg, kann das viel Zeit kosten. Noch weniger vergnügt wache ich unter einem von Schnee ächzenden und undichten Zelt am Morgen wieder auf. Auch mein Rolli draußen vor der „Tür“ ist jetzt weiß. Dass es taut, verschlimmert die Sache. Alles ist nass und kalt – Kleidung, Schlafsack, das Zelt. Wenn es an diesem Tag nicht mindestens eine Stunde Sonne geben wird, sind unsere Stunden gezählt, dann kann das ganze Projekt scheitern. Den Trägern geht es nicht besser, alle pfropfen sich ins Küchenzelt, was nur für Yong, den Koch und drei Töpfe konzipiert war, aber hier ist es warm!! So warm, dass man im Unterhemd sitzen könnte. An diesem Tag gibt es Nudelsuppe mit Gemüse und Lamm – wie in den letzten vier und den kommenden vier Tagen – morgens, mittags und abends. Nichts ist den Trägern wichtiger als Essen. Dafür lassen sie ihre Arbeit stehen und liegen, auch mich. Der Koch hat Mitleid mit uns und lässt die Gaskocher noch eine Weile brennen, damit wir unsere Schlafsäcke halbwegs trocknen können. Mit Sonnenschein ist nicht zu rechen, draußen geht ein fieser Schneeregen herunter.

Wieder Aufbruch. Die Ausrüstung wird wasserdicht verpackt und in Blechkisten verstaut. Pro Pferd zwei Kisten. Das dauert Stunden. Das Geschehen läuft wie in Zeitlupe ab, gleichzeitig bin ich außer Atem, als hätte ich gerade einen 100 Meter-Sprint absolviert. Doch das ist nicht das Problem. Die heftigen Kopfschmerzen am Vortag hatten mich fast wahnsinnig gemacht. Der geringe Luftdruck bringt nicht nur Rollstuhlreifen und mein luftgefülltes Sitzkissen zum Anschwellen, auch die Flüssigkeitsansammlung im Gehirn, verursacht durch den geringen Sauerstoffgehalt in der Luft, dehnt sich aus. Es kommt zu einem schmerzhaften Druckanstieg unter der Schädeldecke, denn die kann sich nicht ausdehnen. Auch in der Nacht gab es kaum Besserung. Jetzt spüre ich einen erneuten Anstieg der Kopfschmerzen. Linderung wird es erst geben, wenn wir mindestens 500 Meter absteigen. Doch stattdessen steigen wir weiter auf. Auch Nagender leidet darunter. Ich muss auf ihn acht geben, die Gefahren der Höhenkrankheit darf ich nicht unterschätzen. Wenn es für einen von uns unerträglich wird, müssen wir umkehren.

Ein zusätzlicher Tag bei eisigen Temperaturen

Heute kommen wir zügig voran, ich kann wieder mein Gespann einsetzen und mich von einem Pferd ziehen lassen. Das schont die Kräfte der Träger und gibt mir die Möglichkeit, meinen Bewegungsdrang zu befriedigen und mich warm zu arbeiten. Am Nachmittag verändert sich die Landschaft jedoch erneut zu meinem Nachteil. Der moorige Boden ist nun durchsetzt mit Wasserlöchern. Immer häufiger versinke ich mit meinem Rolli im halb gefrorenen Schlamm. Der scheinbar trittfeste Boden gibt nach, selbst mein Zugpferd gerät ins Stolpern. Als ich den Halt verliere und seitlich hinstürze, gebe ich den Trägern ein Zeichen, mich zu übernehmen. Mit ein paar Handgriffen zerlege ich den Rolli bis auf den Sitz, verknote ihn mit zwei Eisenstangen und fertig ist die Sänfte. Sich so tragen zu lassen, sieht lustig aus, ist jedoch für die vier Träger absolute Knochenarbeit. Wir hatten sie von einer Baustelle in Zaduo abgeworben. Das Versprechen auf eine bessere Entlohnung bei freier Kost und Logis überzeugte sie. Nun übersetzt mir mein chinesischer Dolmetscher, dass sie es bereits bereuen, aber er solle es mir nicht sagen.

Nur sehr langsam geht es voran, jeder Schritt der vier muss genau bedacht werden, kann unvermittelt in einer der Untiefen enden. Ein gebrochener Knöchel wäre das letzte, was wir hier gebrauchen können. Kontinuierlich steigt das Gelände an. Die Pausen sind nun länger als die Tragezeiten. So schwinden meine Hoffnungen, vielleicht noch an diesem Tag die Quelle zu erreichen. Ich muss eine weitere Nacht im Zelt einplanen – vor dem großen Moment.

Am späten Nachmittag, der Sturm hat nachgelassen, ist es uns sogar möglich, unsere Nudelsuppe im Freien zu schlürfen. In der Runde um den großen Suppentopf kommt es endlich zu einem Gespräch mit meinen Trägern, das über die Lösung praktischer Probleme oder die Diskussion, welcher der sicherere Weg ist, hinaus geht. Mein Dolmetscher muss fast simultan übersetzen, um alle ihre Fragen zu beantworten. Nun ist das Eis gebrochen und ein persönliches Verhältnis entsteht. Yong, Fahrer, Träger und Koch in einer Person, an dessen Seite ich bereits drei Tage im Jeep verbracht hatte, kennt mich inzwischen gut. Für Mister Ji, Li und Wei dagegen ist alles neu, sie wollen eine exakte Beschreibung meines Unfalls vor 30 Jahren, wollen eine spannende und herzergreifende Geschichte hören und belohnen mich danach mit höchster Anerkennung für den Mut und die Strapazen, die ich auf mich nehme, um mein Ziel zu erreichen. Und dann eröffnen sie mir, dass es für sie eine Ehre sei, mich nach einer so strapaziösen Reise entlang des Mekong zur Quelle zu tragen.

 Aufbruch vor Sonnenaufgang vom Basiscamp

Erneut finden wir uns am Morgen in einer weißen Landschaft wieder. Der stetige Wind hat Schneeverwehungen an den Zelten und am Rolli angehäuft. Ich muss freigeschaufelt werden, um aus dem Zelt zu kriechen. In diesen frühen Morgenstunden liegt die Temperatur noch im Minusbereich. Aber wir müssen die Zelte nicht abbauen, heute bleibt unser Lager bestehen. Wir machen es für zwei Tage zum Basiscamp. Nur mit zwei Pferden, den Führern und meinen vier Trägern, also dem halben Team, werden wir den Aufstieg zur Quelle in Angriff nehmen und versuchen, am Abend wieder hier zu sein. Dorje, der Tibeter, der die Gegend wie seine Westentasche kennt und schon “Indiana Jones” getauft wurde, schwört uns auf einen harten Tag ein: “Heute wird die 5000-Meter-Marke geknackt.” dabei schaut er Yong, Ji, Li und Wei ernst an. Von ihnen hängt das Gelingen meines Abenteuers ab, denn sie müssen mich die komplette Strecke tragen. Aber auch für mich wird dieser Tag zu einem Gang an die Grenzen des Machbaren. Vor allem ein Gedanke bereitet mir Sorgen: Passiert hier ein Unfall, fünf Tagesreisen vom nächsten Mobilfunksignal entfernt, haben wir ein echtes Problem. Es geht los: Meine vier Träger beugen sich, schultern die Eisenstangen und heben mich in meinem, auf den Sitz reduzierten, Rolli, auf Kopfhöhe. Die Räder bleiben zurück, sie wären nur unnötiger Ballast.

So kurz vor dem Ziel verändert sich die Landschaft noch einmal dramatisch. Das Hochmoor geht über in eine von breiten Flusstälern zerschnittene Landschaft. Einer dieser Bäche – der Mekong -, der hier den Namen Dza Qu trägt, windet sich aus dem vor uns liegenden Zanarigen-Gebirge. Alle Flüsse sind jetzt gefroren und mit Schnee bedeckt. Wir könnten auf dem Eis des Mekong dem Lauf folgen, doch die Träger weigern sich, ihnen ist die Gefahr einzubrechen zu groß. Irgendwie aber müssen wir den Fluss überqueren, nur drüben ist das Ufer begehbar. Dorje, der bereits die Jeeps über alle gefrorenen Flüsse gelenkt hatte, scheint die Dicke des Eises riechen zu können. Er weiß genau, welche Furt ich auf dem Pferd nehmen muss. So überquere ich erneut den Mekong.

Das GPS-Gerät zeigt jetzt 4900 Meter Höhe an, die Position sagt mir, dass es nur noch wenige hundert Meter zur Quelle sein können. Hinter der nächsten Biegung müssen wir uns entscheiden. Aus drei schmalen Tälern winden sich mit Eis bedeckte Rinnsale, die sich zu unseren Füßen vereinen. Einer diese Bäche muss zur Quelle führen. Ich schaue in die von Erschöpfung gezeichneten Gesichter meiner Träger und in das von Mister Hu, meinem nach Atem ringenden Dolmetscher. Dann frage ich Dorje, was er mir rät. Auch er hat die dunklen Wolken am Horizont bemerkt. Sturm wird aufkommen. Wir werden nass werden, so oder so. Er fragt mich vorsichtig, ob ich diesen Ort, fünfzig Meter von der Quelle entfernt, als Ziel meiner Reise akzeptieren kann. Für einen Moment schalte ich ab, schaue auf die schneebedeckten Gipfel um mich herum, vergesse sogar die anhaltenden Kopfschmerzen und lasse die Reise noch einmal Revue passieren:

Vom tropischen Vietnam an der Mündung wandern meine Erinnerungen zu den faszinierenden Tempeln in Angkor Wat – weiter zu den Mönchen am Mekongufer in Laos, die mich in langen Gesprächen mit einem tiefen Einblick in ihr religiöses Leben reich beschenkten. Ich sehe die sagenhaften Sonnenuntergänge über dem Strom, die jeden Tag dieser Reise hatten spektakulär enden lassen. Noch einmal stehe ich in Gedanken zwischen den Reisterrassen in Yunnan. Auch die Strapazen der ersten Steigungen hinauf zum Himalaya habe ich nicht vergessen.

Dorje reißt mich aus meinen Reflexionen und meint, die Träger seien zu sehr erschöpft. Ich klopfe ihm auf die Schulter und sage: “Dorje, für mich ist dies die Quelle des Mekong, ich bin am Ziel.”

Weiterführende Infos und Vortragstermine unter www.proeve.com

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Veröffentlicht in: Reise, 50. RehaTreff

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