By Januar 7, 2015 0 Comments Weiterlesen →

Assistenzhunde – dein Freund und Helfer

Der Assistenzhund hilft im Alltag - hier beim Ausziehen der Jacke.

Der Assistenzhund hilft im Alltag – hier beim Ausziehen der Jacke. Foto: AWS/Scharfenort

Die Bezeichnung „Dein Freund und Helfer“ wird in der Alltagssprache eigentlich für Polizisten verwendet. Sie passt aber auch hervorragend auf die vierbeinigen Freunde und Helfer, die offiziell als Assistenz- oder auch Servicehunde bezeichnet werden.

Die Zahl der Schulen, die Assistenzhunde ausbilden, wächst stetig, die Nachfrage ist riesig. Jede Woche haben die Trainer mehrere Anfragen von Menschen mit Behinderungen, die gern einen Hund haben möchten, der sie im Alltag unterstützt. Und dies obwohl ein gut ausgebildeter Servicehund, je nach Anforderungsprofil, zwischen 18.000 und 25.000 Euro kostet, die Krankenkassen diese Kosten aber nur bei Blindenführhunden übernehmen. Fördervereine helfen den Betroffenen über Spendenaufrufe, einen Assistenzhund zu finanzieren. Die Wartezeit jedoch ist dabei entsprechend lang und beträgt oft Jahre.

Durch die rasant steigende Nachfrage soll es einige „schwarze Schafe“ unter den Ausbildern geben. Wer einen schlecht ausgebildeten Hund erwirbt, begibt sich in Lebensgefahr. Insider erzählten auf der REHACARE, dass es bei den Blindenführhunden beispielsweise aufgrund mangelhafter Ausbildung einige Tiere gebe, die ihr Herrchen direkt in den fahrenden Verkehr auf die Straße führten.

Immer wieder gehen auch beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) Berichte ein, dass Führhunde von ihren Trainern geschlagen, getreten und sogar mit Stromschlägen gequält werden. „In der Folge verlieren die Tiere ihr Selbstbewusstsein, und auch die Qualität ihrer Leistung leidet. Ein Führhund und sein Halter müssen partnerschaftlich zusammenarbeiten – und das funktioniert nicht, wenn ein Hund in der ständigen Furcht vor Bestrafung lebt“, so Fachreferentin Sabine Häcker vom DBSV.

Mit dem Training wird früh begonnen. Genutzt wird dabei der Spieltrieb der Welpen.

Mit dem Training wird früh begonnen. Genutzt wird dabei der Spieltrieb der Welpen. Foto: AWS/Scharfenort

Film „Belohnen statt Bestrafen“

Der Verband startete deshalb auf der Internetseite www.hundetraining.dbsv.org einen Film, der den schwarzen Schafen unter den Ausbildern zeigt, wie es richtig gemacht wird. Unter dem Titel „Belohnen statt Bestrafen“ wird in zwölf Minuten erläutert, wie ein Hund durch unzählige Wiederholungen in Verbindung mit Erfolgserlebnissen die kompliziertesten Aufgaben erlernt und Freude dabei hat.

Der Film entstand im Rahmen eines DBSV-Projektes zur Qualitätssicherung in der Führhund-Ausbildung und wird ergänzt durch einen Forderungskatalog. Der Verband stößt damit in eine Lücke. „Seit 17 Jahren drängen wir vergeblich darauf, dass der GKV-Spitzenverband endlich verbindliche Standards für die Führhundtrainer festlegt“, erläutert DBSV-Präsidentin Renate Reymann. Der DBSV hat sich deshalb nun direkt an die Krankenkassen gewandt. Sie sollen zukünftig nur noch Führhunde finanzieren, deren Trainer sich zu einer gewaltfreien Ausbildung der Tiere verpflichten. Nach Schätzungen des DBSV werden in Deutschland jährlich rund 500 Blindenführhunde ausgebildet.

I-L-e Servicehunde

Auch wer sich für Assistenzhunde interessiert, sollte genau hinschauen, wie der Hund ausgebildet wird. Kriterien sind die Ausbildungsdauer und die Art des Trainings. Es soll Hundetrainer geben, die ihre Vierbeiner schon nach drei Monaten als Assistenzhund an Menschen mit Behinderung weitergeben. So genannte I-L-e Servicehunde beispielswiese werden hingegen zwei Jahre lang ausgebildet. I-L-e steht für Instinct Lifestyle Education, eine Erziehungsphilosophie, die in erster Linie darauf bedacht ist, eine vernünftige Mensch- Hund-Beziehung aufzubauen, von der beide Seiten etwas haben. Dazu gehört es für den Hundetrainer, die Kommunikation des Hundes, seine Gestik und Mimik zu erlernen, damit er sich mit ihm verständigen kann. I-L-e-Hundeausbilder Erik Kersting arbeitet zu diesem Thema auch wissenschaftlich an Universitäten in Budapest und Wien.

Aus der Rehacare 2014 in Düsseldorf durften die Assistenzhunde ihr Können zeigen.

Aus der Rehacare 2014 in Düsseldorf durften die Assistenzhunde ihr Können zeigen. Foto: AWS/Scharfenort

Sogar die Ohrringe sitzen

Im Alter von acht Wochen übernehmen die Trainer die jungen Welpen, die sie schon direkt nach der Geburt aus dem jeweiligen Wurf ausgewählt haben (meistens Retriever aber auch Collies oder Labradudel, eine Mischung aus Labrador und Pudel). Ein wichtiges Auswahlkriterium ist dabei der Spieltrieb der Hunde. Denn der Spaß bei der Arbeit steht bei der I-L-e-Servicehundeausbildung im Vordergrund. Gewaltanwendung und Bestrafung sind im Trainingsplan nicht vorgesehen. Stattdessen setzen die Ausbilder auf positive Verstärkung durch Lob und Belohnung. “Wir bilden die Hunde so aus, dass alles im Leben ein tolles Spiel ist“, so Ausbilder Erik Kersting. „Wenn der Hund mal nicht mitmachen möchte, wird das respektiert, der Hund geht auf seinen Platz, kann mal darüber nachdenken, warum er nicht mitmachen möchte, und dann probieren wir es später wieder“, erklärt Kersting den Unterschied zu althergebrachten Bestrafungsmethoden. „Es ist dann einfach langweilig, wenn man nicht miteinander spielt.“

Auf der REHACARE bekamen die Messebesucher einen Einblick in die I-L-e-Servicehundeausbildung. Herrchen oder Frauchen den Reißverschluss zu öffnen und die Jacke auszuziehen und dann die Wäsche zu machen gehört zu den einfacheren Übungen der Assistenzhunde, ebenso wie verschiedene Alltagsgegenstände oder Essen aus dem Kühlschrank heranzuholen. Einige Hunde jedoch können auch ihre Besitzer mit einem speziellen Löffel füttern, ja sogar Ohrringe anlegen. „Dafür eignen sich besonders Collies mit ihrer spitzen Schnauze“, erläuterte Erik Kersting. „Bei den Labradoren ist schnell das ganze Ohr nass.“

Individualität in der Ausbildung

„Wenn Menschen mit Behinderungen zu uns kommen, weil sie einen Servicehund haben möchten, führen wir zunächst ein Beratungsgespräch, in dem wir ein Profilbild erstellen“, erklärt Petra Ulbrich, 1. Vorsitzende vom I-L-e Servicehunde für Menschen mit Behinderung e.V. Daraus werde ersichtlich, welche Erwartungen da sind, welche Hilfe es von Angehörigen gibt, wie die Wohnsituation und die finanzielle Lage sind.

Dazu wird dann der entsprechende Hund ausgewählt. „Wenn man zum Beispiel den falschen Servicehund für Menschen mit Epilepsie aussucht, wird es gefährlich“, unterstreicht Erik Kersting. Die Medien würden immer wieder über Hundeattacken auf die Besitzer während eines epileptischen Anfalls berichten.

Stimmt der Hund, wird ein Plan erarbeitet, was er für den jeweiligen Besitzer alles können muss. „Wenn wir dem Hund Sachen beibringen, die sein Herrchen selber kann, machen wir diesen behinderter als vorher“, so Kersting. „Wichtig bei uns ist, dass der Welpe und sein künftiger Besitzer sich von Anfang an kennen und während der Ausbildung durch einen einzigen Trainer regelmäßig sehen“, hebt Petra Ulbrich als weitere Besonderheit der I-L-e Schule hervor. Der Weg ist lang und mühsam. Nur zwei Hunde pro Jahr bildet ein I-L-e Trainer aus.

Nach der I-L-e-Philosophie trainieren verschiedene angeschlossene Hundeschulen. Sie bilden unter anderem auch Warnhunde für Menschen mit Diabetes und Therapiehunde für Kinder aus. Die Trainer durchlaufen eine dreijährige Ausbildung. Eine Adressenliste gibt’s im Internet unter www.i-l-e-servicehunde.de

Katja Rosdorff

 

Dieser Artikel erschien im RehaTreff (4/2014).
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Veröffentlicht in: Mobilität, 50. RehaTreff

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