Eine Wohnmobiltour vom mediterranen Spanien in den Süden Portugals

Eigentlich müssen wir den Winter gar nicht ausklingen lassen. Seit Jahren verbringen meine Frau und ich die Wintermonate mit unserem Wohnmobil in Spanien. Und dort, wo im Januar Orangen und Zitronen geerntet werden und im Februar die Mandelbäume blühen, fühlen sich die Wintermonate doch eher frühlingshaft an.

Auf einem Campingplatz an der Costa Blanca haben wir einen Ort gefunden, der inzwischen ein Stück weit unsere zweite Heimat geworden ist. Aber wir hätten uns kein Wohnmobil zugelegt, würden wir die ganze Zeit nur an einer Stelle verbringen. So reisen wir von hier aus regelmäßig für drei, vier Wochen weiter nach Andalusien, Portugal und einmal in einer Rundtour auch durch Marokko.

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In diesem Jahr ist mal wieder Portugal angesagt. Aber anders als sonst, wollen uns Martina und Achim, zwei gute Freunde aus Deutschland, mit ihrem Campingbus begleiten. Bei 2.500 Kilometer Anfahrt sind zwei bis drei Wochen für einen Urlaub im Süden Portugals sehr knapp bemessen – Martina jedoch muss mit ihrem Jahresurlaub haushalten. Da Achim flexibel ist, beschließen die beiden, dass er sich schon zwei Wochen früher alleine auf den Weg in den Süden macht und Martina dann mit dem Flugzeug folgt.

Mit seinem flotten VW-Camper legt Achim die Strecke von Mannheim auf der „Route du soleil“ bis kurz vor Barcelona an einem Tag zurück. Wahrscheinlich vor lauter Aufregung und Vorfreude auf den Urlaub, sitzt er nach wenigen Stunden Schlaf schon wieder hinter dem Steuer. So taucht er nicht wie erwartet zum Abendessen sondern schon zum Frühstück auf unserem Campingplatz südlich von Valencia auf.

Internationale Campinggemeinschaft

Achim ist schnell aufgenommen im internationalen Kreis unserer Bekannten. Wir sitzen regelmäßig zum Nachmittagsgetränk in der großen Engländerrunde, treffen uns mit Holländern, Schotten und Belgiern oder radeln mit unseren deutschen Freunden.

Nach sechs Tagen brechen wir dann gemeinsam auf, um Martina in Málaga auf dem Flughafen abzuholen. Auf der 600 Kilometer langen Strecke dorthin lernt Achim eine völlig neue Art des Reisens kennen: Wir meiden jegliche Autobahn. Große Städte wie Alicante oder Almeria umfahren wir nicht, sondern steuern mitten durch. Kaum ein Dorf der andalusischen Küste lassen wir aus, fahren in entlegene Buchten und übernachten dort direkt am Meer. So stellt Achim fest, dass Reisen auch mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 46 km/h, wie seine Multifunktionsanzeige ihm verrät, durchaus seinen Reiz hat.

Zwei Übernachtungen schieben wir noch auf einem Campingplatz bei Motril ein. Freunde verbringen hier die Wintermonate in ihrem Wohnwagen. Für einen Tag tauschen wir die Wohnmobile gegen Fahrrad und Handbike ein und radeln vor der traumhaften Kulisse schneebedeckter Berge der Sierra Nevada durch die Gassen weißer Dörfer nach Salobrena.

Am nächsten Tag geht es nun endlich nach Málaga, wo Martina zu uns stößt. Zu viert nehmen wir Kurs auf unser Ziel Portugal. Unseren Reisestil behalten wir jedoch bei. Auf Nebenstraßen, oft nicht breiter als die geteerten Landwirtschaftswege in der Rheinebene, kurven wir durch das gebirgige Andalusien. Wir übernachten in Ronda und Arcos de la Frontera und bummeln durch die weißen Gassen. In Grazalema, im gleichnamigen Naturpark, essen wir Sonntagmittag mit vielen Spaniern auf dem Marktplatz Tapas. Fasziniert beobachten wir dabei die vielen Geier, die über dem weißen, an den Felswänden klebendem Dorf kreisen.

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Besuch in einer Westernstadt

Unsere letzte Station in Spanien finden wir in El Rocio. Dieser Wallfahrtsort am Rande des Naturparks „Donana“ hat einen ganz besonderen Charme. Hier wähnt man sich in die Kulisse einer Westernstadt versetzt. Das Fortbewegungsmittel ist das Pferd, welches vor allen Holzhäusern angebunden werden kann. Geteerte Straßen gibt es nicht, nur Sandpisten. Denkbar ungünstig für Rollstuhlfahrer. Doch Spanien wäre nicht Spanien, gäbe es nicht auch hier wie selbstverständlich Holzbohlenwege, die ein Erreichen einiger Ortsteile möglich machen!

Um nicht per Fähre den Grenzfluss Riu Guardiana überqueren zu müssen, entscheiden wir uns dieses Mal für die Autobahnbrücke. Im ersten portugiesischen Ort, in Castro Marim, sehen wir gleich viele Wohnmobile auf einem Stellplatz am Ortseingang. Gleiches dann in Villa Real de Santo Antonio und eigentlich in allen Orten an der Küste der Algarve.

Obwohl „wildes Campen“ in Portugal verboten ist, so wird es doch im Winter recht großzügig geduldet. Während es auf einer drei Jahre zurückliegenden Tour an der Algarve nur diese inoffiziellen Plätze gab, sind jetzt einige offiziell ausgewiesene Wohnmobilstellplätze vorhanden. Wie viele andere Länder hat auch Portugal diesen Wirtschaftsfaktor entdeckt. Für fünf bis acht Euro erhält man einen abgetrennten Platz, in der Regel mit Wasseranschluss und meistens auch mit Strom. Sanitäreinrichtungen darf man bei diesem Preis natürlich nicht erwarten. Da die meisten Wohnmobile, in denen man längere Zeit lebt, autark sind, ist dieses auch nicht erforderlich.

Anders sieht das aus, wenn man, wie Martina und Achim, mit einem Camper unterwegs ist. Wir gönnen uns deshalb jeden dritten Tag den Luxus eines Campingplatzes mit ordentlicher Sanitäreinrichtung und möglichst mit Handicaped-Raum. Und davon findet man an der 160 Kilometer langen Algarveküste genug.

Bunte Boote im Sonnenschein

Wir starten unsere Tour im Osten an der Sandalgarve mit einem Bummel durch Villa Real de Santo Antonio. Diese Stadt am Grenzfluss wurde nach einer Flut und einem verheerenden Erdbeben 1755 komplett neu im Schachbrettmuster angelegt. Unseren ersten Stellplatz finden wir einige Kilometer weiter in Manta Rota. Der große Parkplatz direkt am Meer wird im Winter zu einem Wohnmobilstellplatz umfunktioniert, wo sich mehr als 200 Mobile einfinden. Er ist ein guter Ausgangspunkt für Radtouren entlang des Parque Natural da Ria Formosa. Von Cacela Velha und Fabrica bietet sich ein weiter Blick über die bei Ebbe freigelegten Sandbänke mit den Muschel- und Krabbensuchern. Die unzähligen bunten Fischerboote, die nun trocken auf Sand liegen, vermitteln im Sonnenschein ein fröhliches Bild.

Cabanes lädt an seiner neu errichteten Promenade zu einer Einkehr ein. Hier in diesem kleinen Ort befindet sich auch ein Campingplatz mit perfekten Sanitäreinrichtungen für Rollstuhlfahrer. Nur ein paar Kilometer weiter ist der Ort Tavira am Rio Gilao ein Highlight der Küste. Die Ureinwohner mussten wohl viel Buße tun, denn 37 Kirchen soll es hier für weniger als tausend Einwohner gegeben haben.

Abendessen mit Puter und Ziege

Wir finden unseren nächsten Übernachtungsplatz ein Stück vom Meer entfernt bei Moncarapacho auf einem urigen Bauernhofcamp. Also wer nicht unbedingt Wert auf gute Waschräume legt und gerne mal einen Puter oder eine Ziege in seinem Wohnmobil begrüßen möchte, der muss hierher kommen! Während wir abends gemütlich beim Grillen sitzen, dürfen wir zusehen, wie auch der Ziegenbock sich sein Abendessen holt – nämlich eine Melone aus dem Camper von Martina und Achim.

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Wir nehmen es mit Humor, überlassen der Ziege die Melone und versorgen uns am nächsten Tag mit Obst, Gemüse und Fisch aus den Markthallen in Olhao. Hier gibt es an der Seepromenade gleich zwei Backsteinhallen, eine für Fisch und Meeresfrüchte und eine für Fleisch, Obst und Gemüse.

Auch Olhao bietet einen großen Campingplatz mit rollstuhlgerechten Einrichtungen an. Ein guter Ausgangspunkt um Faro, die Hauptstadt der Algarve, zu erkunden. Es lohnt, sich für diese charmante, kleine Stadt (60.000 Einwohner) etwas Zeit zu nehmen. Es gibt einiges zu entdecken. In den Geschäften der Fußgängerzone lässt es sich gut shoppen und in der sehenswerten Altstadt kann man hervorragend essen. Leider ist man als Rollstuhlfahrer mit dem groben Kopfsteinpflaster unter den Rädern so beschäftigt, dass man seinen Blick gar nicht nach oben zu den hunderten von Türmchen und Schornsteinen richten kann. Tut man es doch, so kann man auf nahezu jedem einen Storch oder gar ein Storchenpaar mit Jungen entdecken.

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Prozession in Albufeira

Die außergewöhnliche, orientalisch anmutende Markthalle in Loulé lassen wir aus. Dafür genießen wir bei herrlichem Wetter am Luxus-Yachthafen von Vilamura einen Cocktail, besichtigen die kleine, weiße Kirche Sao Lourenco de Matos mit ihren fantastischen, blau-weißen Kachelwänden (azulejos) und sehen eine beeindruckende Prozession in Albufeira.

Albufeira besitzt einen sehr schönen Campingplatz. Auch hier wieder mit ordentlicher Sanitäreinrichtung für Rollis. Über die große Poolanlage hat man einen weiten Blick, was man aber damit bezahlt, dass der Platz auf einem Berg liegt. Zwar gibt es einen gut ausgebauten Radweg hinunter in den Ort, auf dem Rückweg sind dann aber E-Biker ganz klar im Vorteil!

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Hat man, so wie wir, Räder und Handbikes dabei, lässt es sich wunderbar auf Holzbohlenwegen bei Armacao de Pera oder bei Alvor radeln. Obwohl wir uns hier nun im westlichen Teil an der Felsenalgarve befinden, hat man nur ganz wenige Steigungen zu bewältigen und kann sich durch Dünenregionen bewegen, die ansonsten für Rollis tabu sind.

Ganz besonders schöne Orte sind Carvoeiro und Ferragudo. Auch wenn man hier mit dem Rollstuhl nicht sehr weit kommt, sollte man sie nicht auslassen. In einem der netten Cafés, Restaurants oder in einladenden Bars mit Meerblick lässt es sich allemal ein wenig verweilen.

In der lebendigen Hafenstadt Portimao halten wir uns nicht weiter auf. Aber einige Aussichtspunkte an der Praia da Rocha sollte man schon besuchen. An ganz wenigen Stellen hat man die Möglichkeit mit dem Rollstuhl hinunter an den Strand zu gelangen. Aber der Blick von oben in die Buchten und auf die bizarren Felsformationen ist mindestens ebenso lohnenswert.

Wieder etwas ausführlicher widmen wir uns Lagos. Zwar geht es hier in der Fußgängerzone auch bergan, aber auf dem Pflaster der Altstadt lässt es sich ganz gut rollen. Auf den Plätzen und in den Gassen findet man nette Restaurants und in den vielen Läden kann man das eine oder andere Souvenir erwerben.

Westlichster Punkt

Nach so vielen Besichtigungen leisten wir uns zuletzt nochmals einen luxuriösen Aufenthalt auf dem Campingplatz Turiscampo in Espiche bei Luz. Eine sehr schön gestaltete Anlage etwas abseits vom Meer mit wunderbarer Poolanlage, Poolbar und gutem Restaurant. Selbstverständlich auch hier mit rollstuhlgerechtem Sanitärbereich. Von hier aus sind es nur noch gut 30 Kilometer bis zum Capo de Sao Vicente bei Sagres. Selbstverständlich dürfen wir den westlichsten Punkt des europäischen Festlandes nicht auslassen. Leider aber werden wir hier daran erinnert, dass auch in Portugal gerade eben erst Frühlingsanfang war und der Winter sich noch nicht ganz geschlagen geben möchte. Es ist kalt, es ist stürmisch und es gießt in Strömen. Achim und ich bleiben im geschützten Wagen, während unsere Frauen in Regenkleidung verpackt wenigstens einen Blick von der atemberaubenden Steilküste auf den aufgewühlten Atlantik werfen.

Bei diesem Wetter wird uns der Abschied nach zwei herrlichen Wochen an der Algarve wenigstens etwas leichter gemacht. Achim und Martina fahren in ihrem gewohnten Tempo aus dem westlichsten Teil Europas zurück nach Rheinhessen. Ulli und ich, wir lassen uns unserem Tempo folgend etwas mehr Zeit. Das Internet sagt in Südfrankreich sonniges, warmes Wetter für die nächsten Tage vorher. Und so brauchen wir mit dem kleinen Abstecher über die Cote d` Azur drei Wochen, bis auch wir Mitte April wieder zu Hause ankommen.

Peter Barthel

Dieser Artikel erschien im RehaTreff (01/2016).
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Veröffentlicht in: 50. RehaTreff, Nachrichten, Reise

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