Exoskelette – der Stand der Dinge

Foto: AWS/Mikolasch

Exoskelett-Präsentation auf der REHAB-Messe 2015. Foto: AWS/Mikolasch

Ob Kliniktermin, Hausausstellung oder Messe – fast schon obligatorisch berichtet die Presse landauf, landab über Exoskelett-Nutzer. Die REHAB machte da keine Ausnahme. Was ist dran an den fotogenen „Gehmaschinen“?

Es mag an die zehn Jahre her sein, da tauchten auf You Tube die ersten Videoclips von einem „laufenden“ Querschnittgelähmten auf. ReWalk lautete der programmatische Name des Erfinders und Anbieters einer Apparatur, mit der der israelische Ex-Soldat Radi Kiuf unter Zuhilfenahme von Unterarmgehstützen lief. Diese Bilder machten in einschlägigen Kreisen rasch die Runde. Sollte diese Erfindung auf absehbare Zeit weitere Verbreitung finden?

Die Meinungen waren geteilt. Skepsis auf der einen und Begeisterung auf der anderen Seite begegneten sich. Mindestens der ungeteilten Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit konnten sich die Väter der Konstruktion sicher sein. Wo immer in den folgenden Jahren auf Fachmessen die Funktion des ReWalk-„Exoskeletts“ von Probanden demonstriert wurde, waren Fotografen und Kamerateams in großer Zahl zugegen.

Daran hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert, aber die Idee als solche hat sich dramatisch weiterentwickelt. Längst sind weitere Anbieter am Markt. Ein Blick auf die Entwicklung der jeweiligen Produkte zeigt, dass es sich dabei nicht um Nachahmer handelt, sondern vielmehr, dass das Konzept in vielerlei Gestalt an verschiedenen Stellen weltweit Forscher, Ingenieure, Therapeuten und Entwickler gereizt hat – mit höchst unterschiedlichen Resultaten.

Im Großen und Ganzen machen derzeit vier verschiedene Konzepte und fünf Anbieter von sich reden, und schon vor dem Blick auf diese Situation stellt sich die Frage, welchen praktischen Nutzen das jeweilige Produkt in erster Linie erfüllen soll: Ist erste Zielrichtung der Einsatz in der Therapie oder ein möglicher praktischer Nutzen in Alltag und häuslicher Umgebung des Anwenders? In die letztere Kategorie fällt ganz klar „Rex“, das Exoskelett von Rex Robotics. Schon bei seiner Erfindung stand der Gedanke Pate, mobilitätseingeschränkten Menschen den Verbleib in ihrer vertrauten Umgebung zu erleichtern, bzw. ihnen im beruflichen Umfeld Verrichtungen zu ermöglichen, die aus dem Rollstuhl heraus nicht möglich sind. Ein Alleinstellungsmerkmal von Rex ist, dass seine Nutzung freihändig, ohne den Gebrauch von Unterarmgehstützen möglich ist. Dafür ist das Gerät deutlich schwerer und größer als die anderen Modelle.

Reine Therapiegeräte ohne angedachte Verwendung im häuslichen Umfeld sind hingegen „HAL“ von Cyberdyne und Ekso GT von Ekso Bionics. Bei HAL (Hybrid Assistive Limb), einer japanischen Entwicklung, werden mittels Elektroden Nervenimpulse von der Haut abgenommen und in Bewegungsimpulse umgesetzt. Dies setzt das Vorhandensein gewisser (Rest)funktionen voraus und führt zu einer Interaktion zwischen Mensch und Maschine, die sich von einem reinen „bewegt werden“ unterscheidet. Ekso GT hingegen arbeitet zwar ohne ein solches „Myofeedback“, lässt sich aber, was den Grad der Unterstützung betrifft, individuell an das Leistungsvermögen der Patienten anpassen. Dies bedeutet, wo noch Restfunktion von Gliedmaßen vorhanden ist, kann die Unterstützung zurückgefahren und so gezielt der Aufbau von Körperfunktionen gefördert werden. Außerdem lässt sich das Exoskelett von Ekso Bionics relativ rasch an Patienten verschiedener Körpergröße anpassen, was den Einsatz im therapeutischen Alltag erleichtert.

Geräte, bei denen über den Einsatz in Kliniken hinaus auch der Gebrauch im privaten Umfeld eine Rolle bei der Entwicklung gespielt hat, sind die israelische Entwicklung ReWalk und das vom amerikanischen Konzern Parker Hannifin entwickelte Indego. Beide sind vergleichsweise kompakt. Das Indego mit seiner modularen Bauweise passt sogar in eine Reisetasche, kommt ohne den sonst obligatorischen Rucksack aus und gestattet in angelegtem Zustand die Benutzung eines entsprechend angepassten Rollstuhls – Produktdetails, die auf eine Nutzbarkeit im privaten Bereich hindeuten. Auch ReWalk hat seine Marketingaussagen stets darauf ausgerichtet, potentielle Privatnutzer anzusprechen. Mit etwas höherem technischen Aufwand kreiert das ReWalk-Exoskelett ein nah an das natürliche Bewegungsschema angelehntes Gangbild. Natürlich eignen sich sowohl Indego als auch ReWalk ebenfalls für den therapeutischen Einsatz. Sie sind quasi die Generalisten im Angebot.

Was belastbare Aussagen über den effektiven Nutzen von Exoskeletten im therapeutischen Alltag angeht, befinden sich die Anbieter einstweilen auf Neuland, aber auf hoffnungsverheißendem. Praktisch alle haben Weiterentwicklungen ihrer derzeitigen Konzepte in der Pipeline. Schon jetzt ist abzusehen, dass Exoskelette in naher Zukunft einen festen Platz im Therapieangebot der einschlägigen Kliniken haben werden. Wir befinden uns am Beginn einer hochspannenden Entwicklung.

wp

Dieser Artikel erschien im RehaTreff (02/2015).
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Veröffentlicht in: Mobilität, Nachrichten

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